Sehnsucht nach allem Vergangenem

14. Oktober 2005, 19:42
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Stanley Kwan erzählt in "Changchen Ge"/"Everlasting Regret" von den Entbehrungen einer Frau, deren Geschichte eng mit der wechselvollen Chronik Schanghais verknüpft bleibt

Die Vergangenheit trägt die Zeichen des Glamours. Wang Qiyao (Sammi Cheng), eine junge Frau, erhält aufgrund ihrer Schönheit die Chance, in eine höhere Gesellschaftsschicht aufzusteigen. Der Fotograf Cheng (Tony Leung Ka Fai) entdeckt sie und verhilft ihr zum Aufstieg. Qiyao wird Dritte beim Miss-Schanghai- Contest, ihre Freundin Lili (Su Yan) heiratet Cheng, sie selbst verfällt dem nationalistischen Offizier Li (Hu Jun). In rasanten Schnitten werden die zentralen Konstellationen vermittelt. Die Zeit wird zu schnell vorüberziehen.

Stanley Kwans Changchen Ge/Everlasting Regret erzählt die Geschichte Wang Qiyaos und parallel dazu jene der Stadt Schanghai. Der Film basiert auf einem in China viel beachteten Roman von Wang Anyi und deckt den Zeitraum von 1947 bis 1981 ab – von den Unruhen vor der Kulturrevolution bis zur Modernisierungswelle der Gegenwart. Gleicht die Stadt zu Beginn noch einer umtriebigen Metropole, in der sich die vornehme Gesellschaft auf rauschenden Bällen vergnügt, so ändert sich ihr Gesicht bereits schlagartig mit der Gründung der Volksrepublik China.

Indirektes Echo

Kwan vermeidet allerdings den ausladend epischen Gestus des Historienfilms, der vom individuellen Schicksal meist ohne Übergang zu gesellschaftlichen Umwälzungen gelangt. Das melodramatische Geschehen wird beinahe zur Gänze in Innenräume verlagert, Historie ins Kammerspielkorsett gesteckt, sodass die politischen Veränderungen im Leben der Figuren eher indirekt Nachhall finden.

So liegt es einerseits am Ton – etwa durch das Knallen von Pistolenschüssen oder mit Sirenen –, von den Unruhen auf den Straßen der Stadt zu erzählen; vor allem aber sind es die schleichende Veränderung der Dekors, der Kleidung und Objekte sowie Schlager, die den Lauf der Zeit (und dabei die wachsende Instabilität der Verhältnisse) anzeigen. Mit William Chang Suk Ping hat Kwan dabei einen Produktionsdesigner an seiner Seite, der hier ähnlich betörende Settings findet wie bereits für die Filme von Wong Kar-wai: Erinnerungen lagern sich in ihnen wie Staub ab.

Wiederholte Flucht

Die Menschen treiben durch Everlasting Regret dagegen wie unbefestigtes Gut, das vom Strom der Geschichte fortgetragen wird. Das gilt vor allem für die Männer an Qiyaos Seite. Von allen Hongkong- Regisseuren hat sich Kwan am

meisten als Experte für Melodramen und "Frauenfilme" profiliert. Auch hier wahrt er wieder die Perspektive einer Frau. Von der anhaltenden Diaspora im Land ist Qiyao am direktesten betroffen; sie bleibt in Schanghai zurück, ohne dabei zur passiv Leidenden zu werden.

Offizier Li ist der erste ihrer Liebhaber, der sie überstürzt verlässt. Eine archetypische Szene des Films, die sich mehrmals wiederholen wird: Der junge Geschäftsmann Ming (Daniel Wu) lässt Qiyao mit einem ungeborenen Kind zurück, um sein Glück in Hongkong zu suchen; auf ähnliche Weise macht es dann Jahre später Kela (Huang Jue), der sein Verschwinden im Geheimen plant.

Zwischentitel – die der Gegenwart der Erzählzeit manchmal vorauseilen – künden an verschiedenen Stellen vom weiteren Lebenslauf jener Figuren, die Schanghai den Rücken gekehrt haben. Der Film verharrt allerdings bei den beiden Protagonisten, die den Wandel der Stadt als Teil ihres eigenen Lebens erfahren. Auf Qiyao und dem Fotografen Cheng, die als Einzige immer zurückbleiben und sich neu anpassen müssen – Letzterer als beständigster Freund an ihrer Seite.

Zum Melodrama wird Everlasting Regret nicht zuletzt dadurch, dass die Liebe von Cheng zu Qiyao nie erwidert werden wird. Er begnügt sich mit ihren Bildern, während sie ihre Sehnsucht schon immer auf die Vergangenheit richtet, auf eine nicht wieder einholbare Epoche, in der Schanghai noch das Versprechen auf ein glamouröses Leben barg; auf all die Menschen, die die Stadt und sie verlassen haben.

Mit seinem Augenmerk auf stoffliche Details beschwört auch der Film diese Ära und Lebensart herauf – und damit ein Kino der künstlichen Kulissen, dem Kwan hier, durchaus nostalgisch, Tribut zollt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

17.10., 20:30 Uhr
Künstlerhaus
oder
Wh.: 18.10., 13 Uhr
Gartenbau
  • Artikelbild
    foto: viennale
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