Popmusik unter dem Halbmond

14. Oktober 2005, 21:01
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Fatih Akins Dokumentation "Crossing The Bridge – The Sound of Istanbul"

Heiß, stinkend, laut, leise, unheimlich, toll. Mit derlei Beschreibungen ihrer Heimatstadt eröffnen ein paar Passanten in Istanbul Fatih Akins Film Crossing The Bridge. Gleichzeitig machen sie damit Versprechungen, die der Film nur bedingt einlöst.

Crossing The Bridge ist eine Dokumentation unter loser Führung Alexander Hackes, seines Zeichens Bassist der deutschen Formation Einstürzende Neubauten, der unter Akins Beobachtung auszog "den Sound von Istanbul" zu erforschen. Die Wahl Hackes ist schon ein kleines Mysterium. Schon weil außer der Information, dass Hacke bereits öfter in der Türkei war und sich von den "No go"-Bezirken stark angezogen fühlt, keine Qualifikation sichtbar wird.

Regisseur Akin wurde vor allem für seine Spielfilme – etwa: Gegen die Wand – bekannt. Zuletzt hat er am Drehbuch zu Kebab Connection mitgeschrieben. Während Ersterer das Schicksal einer jungen, lebensfrohen und gleichzeitig bis zum Selbstmord hin entschlossenen Türkin in Deutschland beschreibt, die zwischen der Tradition ihrer Eltern und den Verführungen und Freiheiten des westlichen Lebens aufgerieben wird, ist zweitgenannter eine Komödie über die Beziehung eines jungen Türken und seiner deutschen Freundin in Hamburg, der die Vorurteile beider Kulturen lustvoll vorführt.

Witz und Lebenslüge

Zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Einmal die Abbildung von deprimierender Ausweglosigkeit und Lebenslüge, ein anderes Mal eine aberwitzige Komödie vor ernst zu nehmendem Hintergrund.

Crossing The Bridge ist als Doku dagegen ein Neutrum. Anhand einiger in der Türkei mehr oder weniger bekannten Pop-, Rock, Punk und Hip Hop-Bands skizziert Akin das kulturelle Selbstverständnis neben- und miteinander existierender Szenen an der so genannten Brücke zwischen Asien und Europa. Jenem neuralgischen Punkt, der gerade in der aktuellen Diskussion über den EU-Betritt der Türkei zur Bruchlinie der Kulturen hochstilisiert wird.

Wie wenig von dieser Grenze im Kopf in der Realität spürbar ist, zeigt Akin. Auch wenn hier geografisch Europa endet und Asien beginnt – die Verwandtschaft der Kulturen reicht weiter. Crossing The Bridge ist trotz seines pathetischen Titels ein nüchterner Film. Er durchleuchtet (viel zu brav) historische Stationen der Popmusik am Bosporus. Dabei kommen Pioniere wie Erkin Koray, eine Art türkischer Frank Zappa, als Zeit zeugen zu Wort, die über die Widrigkeiten, gegen die sie anzukämpfen hatten, berichten.

Demgegenüber lässt Akin HipHopper über ihr Selbstverständnis sprechen und durchleuchtet den sozialen Hintergrund der Breakdance-Szene, die mit ihrer Kunst vor allem die Kids weg von den Drogen holen will.

Pflichtschuldig und mit großen Kinderaugen besucht Hacke Oran Gencebay, einen türkischen Volkshelden. Der frühere Schauspieler hat Millionen Platten verkauft und modifiziert behutsam türkische und islamische Traditionen mit seinem Instrument, der Langhalslaute.

Bei allen Längen und der formalen Berechenbarkeit von Akins Film behält dennoch die Neugierde am Gezeigten die Oberhand. Ohne ein Tourismus-Spot für die Pop-Kultur am Bosporus zu werden, führt er durch eine Kultur, die von Toleranz, Neugierde, von unglaublicher Lebensfreude und auch Stolz geprägt ist. Darin unterscheiden sich die Künstler Istanbuls in nichts von ihren Kollegen in den westlichen Pop-Metropolen, sei es New York oder London.

Da wie dort wird Dasein und Lebensgefühl einer Millionenstadt besungen. Hacke selbst verkommt dabei zusehends zum Statisten, der sich mit seltener werdenden Zwischenbemerkungen in Erinnerung ruft. Akin seinerseits hält auf die Hauptdarsteller: Protagonisten einer Kultur, die jene Kluft, die von der Politik ständig herbei geredet wird, längst überwunden haben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10.2005)

Von
Karl Fluch

15.10., 23 Uhr
Gartenbau
oder
Wh.: 17.10., 11 Uhr
Urania
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    foto: viennale
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