"Ein Sexfilm, der zugleich kein Sexfilm ist"

  • Artikelbild
    foto: viennale

Regisseur Tsai Ming-Liang im STANDARD-Interview über seinen Film "Tian Bian Yi Duo Yun/The Wayward Cloud"

Im Gespräch mit Christina Nord spricht er von der Liebe, dem Verhältnis zur Pornografie, der Unkontrollierbarkeit des Körpers und von Nudelknäueln.


STANDARD: Tsai Ming-Liang, dass es in Ihren Filmen um Körper und um Sexualität geht, ist nicht neu. Dass man den Figuren dabei zusieht, wie sie Pornos drehen, schon?

Tsai Ming-Liang: In allen meinen Filmen treibe ich ein Thema ins Extrem – dahin, wo es sich selbst negiert. The Wayward Cloud ist ein Sexfilm, der zugleich kein Sexfilm mehr ist. Das Hauptthema ist der Körper: Was ist die Grenze des Körpers? Bis zu welchem Punkt kann man gehen? Sex ist ja einerseits ein Grundbedürfnis des Menschen, eine Grundlage für seine Fähigkeit zur Liebe. Andererseits wird Sex in der Pornografie so auf die Spitze getrieben, dass er sich in der reinen Körperbewegung erschöpft. Wenn man sich anschaut, wie dabei mit dem Körper umgegangen wird, kann man einige sehr interessante Sachen sehen.

STANDARD: Zum Beispiel?

Tsai: Der Körper ist etwas, was sich der Kontrolle entzieht. Gedanken kann man kontrollieren, den Körper nicht. Trotzdem versuchen wir das. Zugleich verlangt der Körper, dass ständig etwas in ihn eingeführt wird, dass er ernährt wird – mit Nahrung, mit Sex.

STANDARD: Deswegen spielt das Essen eine so große Rolle in Ihren Filmen?

Tsai: Wir sind ständig konsumierende Tiere, wobei uns unser Konsum nie zufrieden stellen wird. Das steht in einem gewissen Kontrast zu unseren Moralvorstellungen, die dadurch ins Chaos gestürzt werden. Um auf die von Lee Kang-Sheng gespielte Figur des Pornodarstellers zu sprechen zu kommen: Bei dem, was er tut, geht es ganz klar ums Überleben. Deswegen arbeitet er als Pornodarsteller. Aber er geht nicht total auf in dieser Rolle. Es bleibt ein Rest an Humanität übrig. Er weiß noch, was Liebe bedeutet, auch wenn er ein reines Sexobjekt ist.

STANDARD: Die letzte Sequenz zeigt einen Pornodreh, der sehr lange dauert. Die weibliche Figur ist regungslos, man fragt sich: Ist sie bewusstlos? Tot?

Tsai: Ich will die Pornoindustrie gar nicht direkt kritisieren. Aber was hinter dieser Szene steckt, ist: Wenn du dieser Art von Arbeit nachgehst, dann stirbt ein Teil von dir und deinem Körper. Ich sehe mir natürlich auch Pornofilme an. Trotzdem habe ich ein widersprüchliches, schmerzhaftes Verhältnis dazu. Ich frage mich: Was passiert nachher mit den Darstellern? Die werden ja ständig ausgewechselt.

Standard: Der Schluss und das Vorangegangene bilden einen harten Kontrast. Zuvor boten die Sexszenen oft einen Augenblick von "comic relief".

Tsai: Die Idee ist, dass der Zuschauer nicht länger die Möglichkeit hat, den Film zu kontrollieren. Während man einen Pornofilm nach Belieben vor- und zurückspulen kann, wird der Zuschauer in The Wayward Cloud dazu gezwungen, die letzten 15, 20 Minuten über sich ergehen zu lassen. Grundsätzlich geht es um die Verwandlung von allem und jedem in ein Konsumobjekt. Die Konsumierbarkeit wird aber in der Schlussphase aufgehoben. Denn man kann den Teil, den man als unmenschlich empfindet, nicht überspringen.

STANDARD: Einmal gibt es eine recht aufregende Einstellung auf ein Nudelgericht. Es sieht aus, als würden die weißen Nudelknäuel die Sauce verschlucken. Das Essen isst sich selbst.

Tsai: In diesem Film gibt es viele metaphorische Einstellungen. Schon der Titel deutet das an: Der Mensch ist eine Wolke, die keine Kontrolle über ihr Ziel und ihre Bewegungen hat. Die von Lee Kang- Sheng gespielte Figur ist eine Wolke, die getrieben wird. Es gibt einige Einstellungen, die dies metaphorisch verlängern: Zum Beispiel, wenn er in einem Wassercontainer badet und sich der Seifenschaum wie Wolken in alle Richtungen ausbreitet. Und wenn er die Nudeln frittiert, haben die ja auch die Form von Wolken. Andererseits wird ziemlich viel Sauce darauf gekippt. Und das wiederum ist sehr erotisch, sehr sexuell. Es gibt da eine Art Widerspruch von Wolke und Sex. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10.2005)

16.10., 18 Uhr
Gartenbau
oder
18.10., 20:30 Uhr
Künstlerhaus
Share if you care