"Ein Sexfilm, der zugleich kein Sexfilm ist"

Redaktion
14. Oktober 2005, 19:42
  • Artikelbild
    foto: viennale

Regisseur Tsai Ming-Liang im STANDARD-Interview über seinen Film "Tian Bian Yi Duo Yun/The Wayward Cloud"

Im Gespräch mit Christina Nord spricht er von der Liebe, dem Verhältnis zur Pornografie, der Unkontrollierbarkeit des Körpers und von Nudelknäueln.


STANDARD: Tsai Ming-Liang, dass es in Ihren Filmen um Körper und um Sexualität geht, ist nicht neu. Dass man den Figuren dabei zusieht, wie sie Pornos drehen, schon?

Tsai Ming-Liang: In allen meinen Filmen treibe ich ein Thema ins Extrem – dahin, wo es sich selbst negiert. The Wayward Cloud ist ein Sexfilm, der zugleich kein Sexfilm mehr ist. Das Hauptthema ist der Körper: Was ist die Grenze des Körpers? Bis zu welchem Punkt kann man gehen? Sex ist ja einerseits ein Grundbedürfnis des Menschen, eine Grundlage für seine Fähigkeit zur Liebe. Andererseits wird Sex in der Pornografie so auf die Spitze getrieben, dass er sich in der reinen Körperbewegung erschöpft. Wenn man sich anschaut, wie dabei mit dem Körper umgegangen wird, kann man einige sehr interessante Sachen sehen.

STANDARD: Zum Beispiel?

Tsai: Der Körper ist etwas, was sich der Kontrolle entzieht. Gedanken kann man kontrollieren, den Körper nicht. Trotzdem versuchen wir das. Zugleich verlangt der Körper, dass ständig etwas in ihn eingeführt wird, dass er ernährt wird – mit Nahrung, mit Sex.

STANDARD: Deswegen spielt das Essen eine so große Rolle in Ihren Filmen?

Tsai: Wir sind ständig konsumierende Tiere, wobei uns unser Konsum nie zufrieden stellen wird. Das steht in einem gewissen Kontrast zu unseren Moralvorstellungen, die dadurch ins Chaos gestürzt werden. Um auf die von Lee Kang-Sheng gespielte Figur des Pornodarstellers zu sprechen zu kommen: Bei dem, was er tut, geht es ganz klar ums Überleben. Deswegen arbeitet er als Pornodarsteller. Aber er geht nicht total auf in dieser Rolle. Es bleibt ein Rest an Humanität übrig. Er weiß noch, was Liebe bedeutet, auch wenn er ein reines Sexobjekt ist.

STANDARD: Die letzte Sequenz zeigt einen Pornodreh, der sehr lange dauert. Die weibliche Figur ist regungslos, man fragt sich: Ist sie bewusstlos? Tot?

Tsai: Ich will die Pornoindustrie gar nicht direkt kritisieren. Aber was hinter dieser Szene steckt, ist: Wenn du dieser Art von Arbeit nachgehst, dann stirbt ein Teil von dir und deinem Körper. Ich sehe mir natürlich auch Pornofilme an. Trotzdem habe ich ein widersprüchliches, schmerzhaftes Verhältnis dazu. Ich frage mich: Was passiert nachher mit den Darstellern? Die werden ja ständig ausgewechselt.

Standard: Der Schluss und das Vorangegangene bilden einen harten Kontrast. Zuvor boten die Sexszenen oft einen Augenblick von "comic relief".

Tsai: Die Idee ist, dass der Zuschauer nicht länger die Möglichkeit hat, den Film zu kontrollieren. Während man einen Pornofilm nach Belieben vor- und zurückspulen kann, wird der Zuschauer in The Wayward Cloud dazu gezwungen, die letzten 15, 20 Minuten über sich ergehen zu lassen. Grundsätzlich geht es um die Verwandlung von allem und jedem in ein Konsumobjekt. Die Konsumierbarkeit wird aber in der Schlussphase aufgehoben. Denn man kann den Teil, den man als unmenschlich empfindet, nicht überspringen.

STANDARD: Einmal gibt es eine recht aufregende Einstellung auf ein Nudelgericht. Es sieht aus, als würden die weißen Nudelknäuel die Sauce verschlucken. Das Essen isst sich selbst.

Tsai: In diesem Film gibt es viele metaphorische Einstellungen. Schon der Titel deutet das an: Der Mensch ist eine Wolke, die keine Kontrolle über ihr Ziel und ihre Bewegungen hat. Die von Lee Kang- Sheng gespielte Figur ist eine Wolke, die getrieben wird. Es gibt einige Einstellungen, die dies metaphorisch verlängern: Zum Beispiel, wenn er in einem Wassercontainer badet und sich der Seifenschaum wie Wolken in alle Richtungen ausbreitet. Und wenn er die Nudeln frittiert, haben die ja auch die Form von Wolken. Andererseits wird ziemlich viel Sauce darauf gekippt. Und das wiederum ist sehr erotisch, sehr sexuell. Es gibt da eine Art Widerspruch von Wolke und Sex. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10.2005)

16.10., 18 Uhr
Gartenbau
oder
18.10., 20:30 Uhr
Künstlerhaus
Share if you care
21 Postings
*GÄHN*

ziemlich nichtssagender kas. tangiert mich wenig. porno auf kunstschiene. billiger trick, sexszenen zu zeigen. langweilig. hab ihn nach zwei tagen schon wieder vergessen...*gähn*

wow

sehr beeindruckend, sehr genialer subtiler humor (krebse einfangen!!)

guter film, 112 tatsächliche, 80 gefühlte

echt sehenswert - aber nicht für jeden

fand den Film echt genial - vor allem das Springen zwischen Sexszenen, Musicalszenen, Essensszenen und sonstigem. Ist sicher einer der beindruckendsten Filme dieser Viennale.

schräges Teil.

Wenn du dieser Art von Arbeit nachgehst, dann stirbt ein Teil von dir und deinem Körper.

das gab´s aber schon immer: Industriesklave, Söldner, Bettgeher um die Jahrhundertwende in Wien,
langweilige 8-16h Jobs mit anschliessender ganzabendlicher TV-Beleuchtung, nächtelanges Computerspielen, regelmässige jahrelange Sauforgien, Drogen, Workaholics, Schweigen in jahrzehntelangen Ehen. Ist also ein typisches gesellschaftliches Phänomen und nicht den Pornodarstellern vorbehalten.

baisse moi

Es gibt auch seriöse Filme in dennen die Handlung Sex keine Gewalt verkörpert!!! z.B. Idioten von ARTHAUS. Am ende des Films betreibt die Kommune ein rieseges Ruddelbumsfest bei dem die Darsteller wirklich sexuellen kontakt haben! In diesem Film geht es allerdings nicht um einen Verlust sondern einfach um animalische Lust! Übrigens ist der Film trotz dieser Szene ab 16 ! Empfehlung sehenswert!!!

Gefährliche Überschrift

So heisst auch ein Film der der Äusserung "Es gibt auch seriöse Filme in dennen die Handlung Sex keine Gewalt verkörpert!!!" ziemlich widerspricht.

wie gesagt...

Keine Handlung: Das, was dieser Film in 112 tatsächlichen und 300 gefühlten Minuten da erzählt, ist - gelinde gesagt - etwas ermüdend. Dass Liebe tot ist und wir in Betonburgen wohnen, wissen wir spätestens seit Michel Houellebecq, viel Neues lernen wir also in diesem Film nicht.

Ansonsten gibt es immer wieder Bilder, die sich leitmotivisch durch den Film ziehen: Wassermelonen, Schlüssel, Ameisen und ein Koffer, der sich nicht öffnen lässt.

GAHN.......


eine naive frage: habe den film nicht gesehen, mich interessiert jedoch, ob die da wirklich rumficken. seriöse schauspieler, dies miteinander vor laufender kamera treiben - eine lustige vorstellung.

Ja, tun sie.

es gab schon mal einen französischen film mit "echten" schauspielern, in dem hardcore gezeigt wurde - baisse moi (es geht um eine vergewaltigung und wie die frau versucht, diese zu verarbeiten. nichts für zarte gemüter). die hauptdarstellerin hat übrigens vor ca. 1 jahr selbstmord verübt.

weiss übrigens jemand, ob tsai ming-liang männlich oder weiblich ist??? ich tippe auf männlich.

es heisst

außerdem baISE-moi und nicht baisse..obwohl "tiaf" ist der film schon

...die hauptdarstellerin war übrigens eine echte pronodarstellerin und wurde bewusst für den film ausgewählt...

und es war eine frau

die vom porno-biz seelisch ruiniert wurde...wie so viele,die das inhumane und frauenverachtende pornogeschäft nicht verkraften und in pillen,alk und anderen drogen absinken.

Kann auch ganz anders sein..

Sibill Kekilli.

und annie sprinkle. corazon hat zwar auch recht, aber wie überall werden menschen seelisch ruiniert, das kann das gastgewerbe oder die managementebene in einer firma genauso sein.
jedes ding hat immer zwei seiten. allgemein ist halt nach wie vor alles was mit sexualität zu tun hat mit angst bzw. vorurteilen besetzt, während phänomene wie gewalt als normal angesehen werden.

Top-Schauspieler-Riege

Cast:
Kang-sheng Lee .... Hsiao-Kang
Shiang-chyi Chen .... Shiang-chyi
Yi-Ching Lu
Kuei-Mei Yang
Sumomo Yozakura

Denke diese seriösen Schauspieler kennt ausserhalb Chinas niemand. Also ist der Porn-Skandal-Effekt nicht so schlimm.

Der Film ist aus Taiwan

Der Film ist aus Taiwan,nicht aus China. Auch in Hollywood gibt es Stars, die einmal PornoSpieler war, wie Silvester Stallion in "Italian Stud".

...

was sind schon seriöse schauspieler, vor allem in einem wie ich denke independent film.

hats ja schon oft gegeben, solche seriöse filme wo der hardcore-porno regiert-sind aber meistens gefloppt - weil für die einen zu "wäh"- und verlassen das kino - und die anderen schon sich ja eh gleich was "richtiges" an.

Denke dieser Film ist 100% sch..ße......

Pseudo - Erklär - Blabla - Schockier - Porno - aber - Kunst - Film ....igitt.

Stuntmen springen wirklich von Bruecken...

...dann werden normale Schauspieler doch wohl auch die natuerlichste Sache der Welt tun duerfen. Wir sind ja nicht in China oder den USA.

ja, aber die meisten sind sich dafür zu schade.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.