"Und wer bist du?"

14. Oktober 2005, 19:42
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Der chinesische Dokumentarfilm "Tang Tang", von Zhang Hanzi, in der Reihe "Propositions – Ausgewählte Beispiele eines Neuen Kinos"

"Was ist der Unterschied zwischen einem Mann und einer Frau?" Tang Tang ist sich da nicht sicher, auch wenn er im Alltag aussieht wie ein Mann und sich abends als Frau verkleidet, um seine Auftritte im Nachtleben von Beijing zu absolvieren. Tang Tang singt in Restaurants und Clubs, seine Umkleideräume sind schäbige Hinterzimmer, der Lohn wird ihm bar in die Hand gedrückt. Dann schlüpft er wieder aus seinen Kleidern, verstaut sie im Rollkoffer, und macht sich neuerlich auf den Weg durch die Stadt. Häufig ist er spät dran. Wenn er ankommt, verlässt ein Komiker aus dem Nordosten gerade die Bühne. Nach Tang hat der beste Imitator der Hongkong-Diva Faye Wong einen Auftritt.

Es sind Nomaden der Nacht, die hier unterwegs sind. Sie schlüpfen in andere Identitäten, und bieten den Menschen nach Feierabend ein wenig frivole Entlastung. Wenn sich die Polizei für ihn interessiert, dann beruft Tang sich auf Mei Lan Fang, einen berühmten Frauendarsteller in der Pekingoper – dessen Verkörperungen eifert er nach. Die Polizisten übersehen das Pathos, das in dieser Selbstauffassung steckt. Sie sehen nur den Unterschied zwischen damals und heute: "Mei Lan Fang ist eine Legende – und wer bist du?"

Auch der Regisseur Zhang Hanzi ist sich in seinem Film Tang Tang nicht ganz so sicher. Zwar sieht das alles stark dokumentarisch aus, in der ganzen Bandbreite zwischen hektischer Reality-Kamera und melancholischen Genrebildern aus dem kalten Peking. Aber die kontroverse Rahmenhandlung – mit einer schnellen, brutalen Überraschung zu Beginn und einer nicht ganz so überraschenden Revision derselben am Ende – deutet an, dass es mit Tang Tang auf allen Ebenen von Identität und Repräsentation eine besondere Bewandtnis hat.

Das lesbische Paar Xun und Lily findet ihn auf jeden Fall sehr attraktiv, und als Tang Tang von seinem Freund verlassen wird, gruppieren sich diese Schattenwesen von Beijing, die nicht nach den Normen der Heterosexualität leben wollen und können, noch einmal neu. Hanzi wechselt so unverblümt die Stile, dass es eher so aussieht, als würde sein Protagonist darauf reagieren, als umgekehrt. Aber das gehört auch noch mit zum Verwirrspiel, das hier getrieben wird, ohne dass der dokumentarische Wert vor allem der Szenen von Tang Tangs Auftritten dadurch gemindert wird. Wer genau aufpasst, erfährt viel über die chinesische Popkultur, über die Traditionslinien zwischen klassischen Formen (die selbst schon Rollenspiele waren) und neuen Weisen der Aneignung dessen, was zwischen Hongkong und Peking alle mitsingen können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10.2005)

Von
Bert Rebhandl

15.10., 16 Uhr
Urania
oder
Wh.: 16.10.22:30 Uhr
Urania
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    foto: viennale
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