"Aufwärts, der Freiheit entgegen"

14. Oktober 2005, 19:42
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"Proletarisches Kino" der 20er- und 30er- Jahre des vergangenen Jahrhunderts zeigt eine vom "Filmarchiv Austria" ausgerichtete kleine Retrospektive

Der Arbeitstag von Frau Leopoldine Weinmüller, Holzarbeiterin, beginnt zwanzig Minuten nach fünf, und endet spät am Abend, nach der Gewerkschaftsversammlung. Dazwischen liegt ein Frauenleben – Frauenlos, wie es idealtypisch in dem gleichnamigen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1931 erscheint.

In seltenen Momenten der Ruhe muss Leopoldine Weinmüller die Sorgen verscheuchen: Im Betrieb droht Kurzarbeit, die "Diktatur des Hungers" herrscht über die Arbeiterschaft, vor ihrem geistigen Auge erscheint das Dorotheum, wo sie ihre wenigen Besitztümer verpfänden muss, wenn alles so weitergeht. Das Filmschaffen im "Roten Wien" der 20er-Jahre hatte aber ausdrücklich zum Ziel, dass nicht alles so weitergeht, wie es über viele Jahrzehnte der Ausbeutung gewesen war.

Im Gegenteil, es durchzieht eine Stimmung von Aufbruch und Genuss erworbener Rechte viele der kurzen und mittellangen Arbeiten, die das Filmarchiv Austria im Rahmen der Viennale in einem Schwerpunkt unter dem Titel Proletarisches Kino in Österreich präsentiert. Zu sehen sind die filmischen Dokumente eines historischen Moments, der viele Grundlagen für die gegenwärtige Prosperität von Wien schuf.

Wien als Avantgarde

Die Feiern zum 1. Mai 1922 erscheinen als das früheste Dokument in diesem Zusammenhang. Wien verstand sich damals als Avantgarde in einem größeren Zusammenhang, der auf nicht weniger als "die erhabenste Idee der Menschheit" zurückzuführen war, die Internationale.

Die Welt feiert also mit, wenn die Wiener Arbeiterschaft die Jahrestage des sozialistischen Kalenders begeht. 300 Delegierte aus Palästina marschieren über die Ringstraße, als 1929 das zweite sozialistische Jugendtreffen stattfindet, ein großes politisches Ferienlager, bei dem in vielen Haushalten großzügig einquartiert wurde.

Vielleicht wurde bei den politischen Veranstaltungen auch der 24 Minuten lange Bildungsfilm Wie ein Volkswohnhausbau der Gemeinde Wien entsteht gezeigt, ein Dokument, in dem es nicht nur darum geht, wie aus einer riesigen Baugrube in Ottakring durch die Arbeit vieler Hände ein beeindruckender "Gemeindebau" entsteht, sondern auch darum, wie die Zinshäuser durch den kommunalen Wohnbau in den Schatten gestellt werden, wie der Architekt Cesar Poppovits durch Kunststeinsäulen den Kindergarten aufwertet, wie mit Scheibtruhe und Pferdewagen etwas gebaut werden kann, in dem sich die Helden der Fließbänder zu Hause fühlen.

Sie mussten nicht länger Im Schatten der Maschine ihre ganze Existenz fristen, wie der gleichnamige Montagefilm von Albrecht Viktor Blum und Leo Lania aus dem Jahr 1928 heißt. Hier ist zu sehen, dass es für ein paar Jahre auch eine kinematografische Internationale gab, dass lokale Filmemacher sich an den sowjetischen Revolutionskünstlern wie Dziga Wertow oder Sergej Eisenstein maßen. Der zeitgenössische Kritiker Fritz Rosenfeld schrieb über Im Schatten der Maschine, es handle sich hier um einen "Film der Wirklichkeit", um eine "Bildsinfonie der Maschinen". Der Rhythmus, "mitreißend wie ein gewaltiger Strom, der alle Dämme gebrochen hat, ist der Rhythmus des Lebens, der Rhythmus der Arbeit".

Brigitte Mayr und Michael Omasta, die seitens der Gesellschaft Synema ihre Forschungen zu Fritz Rosenfeld in das Projekt Proletarisches Kino in Österreich des Filmarchivs Austria einbringen, präsentieren bei der Viennale auch den deutschen Film Das Lied vom Leben von Alexis Granowsky aus dem Jahr 1931, eine kaum bekannte Arbeit über die Klassengegensätze, denen sich ein junges Mädchen entzieht, indem es mit einem Arbeiter ein Kind bekommt – auch der Gebärakt steht im Zeichen der Solidarität.

Mutmaßlicher Höhepunkt des Programms ist Der blaue Express von Ilja Trauberg, ein sowjetischer Film aus dem Jahr 1929, in dem die Revolution aus einer Zugfahrt von China nach Russland heraus entwickelt wird, ganz so, als wäre der Takt der Schwellen auf den Schienen die Norm, gegen die es aufzustehen gilt. Fritz Rosenfeld war begeistert von dem Schlussbild: "Der blaue Express fährt nun vertikal, aufwärts, der Sonne, der Freiheit entgegen."

Der Schwerpunkt Proletarisches Kino im Rahmen der Viennale ist relevant nicht nur unter filmhistorischen Aspekten, sondern auch als Selbstreflexion eines Festivals, das in einer Kulturmetropole seinen eigenen Voraussetzungen auf dem Sektor der Produktivität nicht genug Aufmerksamkeit schenken kann.

Die Schwerpunkte der Wertschöpfung haben sich in den westlichen Industriegesellschaften deutlich verlagert. Das wird nur umso deutlicher beim Blick auf die historische Formation "Das Rote Wien", das in den Beiträgen zu diesem Viennale-Special wie ein fremder Spiegel erscheint. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10.2005)

Von
Bert Rebhandl
  • "Lied vom Leben"
    foto: viennale

    "Lied vom Leben"

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