Vexierbild des Kinos

13. Oktober 2005, 21:47
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Im Dschungel mit Apichatpong Weerasethakul: "Worldly Desires", Teil der "Digital Short Films by Three Filmmakers"

Der thailändische Filmemacher Apichatpong Weerasethakul ist verdientermaßen ein Stammgast der Viennale. Erst im Vorjahr wurde hier sein dritter Langfilm "Tropical Malady" aufgeführt, und der (nicht erst) für diese Arbeit so wesentliche Topos des Dschungels spielt nun auch in einem aktuellen 42-Minüter des Regisseurs eine tragende Rolle:

"Worldly Desires" ist Teil des Projekts "Digital Short Films by Three Filmmakers", welches das koreanische Filmfestival von Jeonju seit einigen Jahren auslobt - und das unter anderem bereits Arbeiten von Jia Zhangke oder Tsai Ming-liang ermöglichte. Weerasethakul hat diesen Rahmen genutzt, um ein Filmteam bei Dreharbeiten im Dschungeldickicht zu inszenieren.

Vor dessen Kameras agiert zum einen eine Sängerin. Deren eingängiger Easy-Listening-Song über Liebessehnsucht kontrastiert eigentümlich mit der nächtlichen, nur von einem Spot erhellten Naturkulisse. Zum anderen arbeitet man an Szenen, in denen ein junges Liebespaar durch die Wälder flüchtet.

Das Geschehen bleibt, wie so oft bei Weerasethakul, fragmentarisch. Popkulturmythen treffen unvermittelt auf alte Märchen und dokumentarisches Material. Punktuelle Wiederholungen fungieren im Sinne kleiner, dramatischer Betonungen, die sich jedoch nicht einlösen.

Gleitende Kamerabewegungen werden wie Gesten eingesetzt. Aufnahmen durch den Sucher der Kamera wechseln mit Bildern von Blätterwerk und Lichtstrahlen. Die Mitglieder des Teams wirken wie auf geheimer Mission, einer trägt ein T-Shirt mit einem Tiger vorne drauf - in einer Szene wird aus diesem Motiv eine weitere Referenz auf Weerasethakuls filmisches Universum.

Auch auf der Tonspur mischt der Regisseur fortwährend die Ebenen: Playback-Dialoge begleiten banale Verrichtungen der Mitarbeiter; wenn der Ton einmal ganz weggeblendet wird, dann verstärkt dies wiederum den Eindruck einer kleinen Sequenz, in der das Paar sich gerade zärtlich näher kommt. Off-Stimmen erzählen einander den neuesten Hollywoodklatsch oder kommentieren Bilder und deren Funktion.

Insgesamt erzeugt dieses offene Gefüge aus Suchbildern und Erzählsplittern einen betörenden Sog. Die beiden anderen "Digital Shorts", die vom Japaner Shinya Tsukamoto ("Haze") und vom Koreaner Song Il-gon ("Magicians") stammen, können die Dichte von Weerasethakuls Beitrag leider nicht erzielen. Auf dessen Arbeit für Peter Sellars Filmprojekt zum Mozartjahr darf man hingegen jetzt schon gespannt sein.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

Von Isabella Reicher

15. 10., Urania, 23.30;

Wh: 18. 10., 13.30

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    foto: viennale
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