Gute Stimmung in der Unterwelt

13. Oktober 2005, 19:17
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Tim Burton lässt in seinem Animationsfilm "Corpse Bride" die Toten tanzen

Der Mond scheint hell, Schnee funkelt am Boden, und die Krähen sehen von den Ästen herunter, als der verzagte Bräutigam auf Zahnstocherbeinen in den Märchenwald stakst. Hier will Victor die Hochzeitszeremonie, deren Probedurchlauf zuvor durch seine Ungeschicklichkeit gründlich misslungen ist, noch einmal durchgehen. Doch als er einem verknorpelten Ast den Trauring ansteckt, wird er in seiner Ruhe gestört: Der Wald erwacht zu Leben, eine blaugesichtige Braut bricht aus dem Unterholz hervor und gibt Victor unverzüglich das Jawort.

Victor und die Totenbraut, die Helden aus Tim Burtons "Corpse Bride", werden von keinen menschlichen Darstellern verkörpert, sie sind vielmehr animierte Puppen. Nach "The Nightmare Before Christmas" und "James and The Giant Peach" hat der US-Regisseur seine schaurig-komische Auslegung der Welt das dritte Mal in Stop-Motion-Technik durchgeführt. Dass der melancholische Victor deutlich die Züge Johnny Depps trägt - der ihm im Übrigen auch seine Stimme leiht -, während die Totenbraut an Helena Bonham-Carter erinnert, sind die ersten Indizien, dass Burton auch beim Trickfilm auf seine vertrauten Kräfte setzt.

Er hat aber nicht nur die Physiognomie der Puppen nach seinen bevorzugten Darstellern modelliert: Victor, der ein wenig linkische Traumwandler, neben dem eine Tote mit Wurm hinterm Augapfel noch lebenslustiger wirkt, ist eine Figur, die anderen Helden aus Burtons Filmen durchaus nahe steht. Mit staunenden Augen wird er von der Untoten in ein Zwischenreich entführt, in dem er im Grunde gar nicht besonders auffällt.

Partys für Verstorbene

Die Unterwelt ist in "Corpse Bride" dem irdischen Dasein denn auch in mancher Hinsicht vorzuziehen. Während die Lebenden auf Etikette Wert legen und hinter grau gehaltenem Mauerwerk hauptsächlich Intrigen spinnen, herrscht unter den Toten farbenfrohe Ausgelassenheit. Bei jeder Neuankunft werden Partys gefeiert, die Burton als fulminante Musicalnummern inszeniert (Musik: Danny Elfman), bei denen etwa Skelette ihr beträchtliches Bewegungstalent unter Beweis stellen können.

Die Dynamik der Puppen ist beträchtlich, mit den klapprig-ruckartigen Bewegungen, die man früher mit dem Begriff Stop-Motion assoziierte, haben diese stupenden Bewegungsabfolgen nichts mehr gemeinsam. Burton und Koregisseur Mike Johnson haben mit winzigen Digitalkameras gearbeitet und damit die Illusion der Körperlichkeit derart optimiert, dass man mitunter den Eindruck gewinnt, einen computeranimierten Film zu sehen. Der Charme einer anachronistischen Technik wird auf diese Weise ins digitale Zeitalter gerettet.

Ähnliches gilt für die Fabel von "Corpse Bride", die lose auf einem russischen Märchen beruht. Bei aller Komik spielt der Film am Ende immer mehr dessen romantische Seite aus. Die ursprünglich einander Zugedachten werden in einem turbulenten Finale durch Vermittlung der Toten zusammengeführt - die Liebe, demonstriert Burton mit Neigung zur Nekrophilie, braucht kein schlagendes Herz, um sich für einen anderen ins Zeug zu legen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

16. 10., Gartenbau, 23.30

  • Schaurige Schönheit: die "Corpse Bride" aus Tim Burtons Trickfilm
    foto: warner

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