Versuchsanordnungen eines zornigen Mannes

10. Oktober 2006, 13:33
16 Postings

Der 75-jährige britische Dramatiker Harold Pinter erhält den Nobelpreis für Literatur

Einmal mehr überraschte die Entscheidung des Nobelpreiskomitees in Stockholm: Viele Literaten, darunter einige aus den USA, waren im Vorfeld favorisiert worden – nur nicht der britische Dichter und Politaktivist Harold Pinter.


Stockholm – "I am not here" schimpft Harold Pinters verärgerte Stimme von Band seit Jahren der Zumutung jedes Anrufs entgegen. Eine Szene, die aus einem Pinter-Stück entnommen sein könnte. Voices – Stimmen, ihre Behauptungen, ihre Worte, deren körperlose Eigenexistenz jenseits aller Überprüfbarkeit haben den Dramatiker lebenslang zu seinen besten Texten stimuliert. Von seinem frühesten Einakter "The Room/Das Zimmer" (1957) an lesen sie sich als unauflösbare Versuchsanordnungen zwischen Realität und Paranoia.

Ein Thema mithin, das in den vergangenen Jahren, mit zunehmender medialer Undurchschaubarkeit der öffentlichen Inszenierung an Aufmerksamkeit gewann. Wie gleichzeitig auch Harold Pinters verärgerte Stimme – im ganz eigentlichen Sinn: Seit Jahren erhebt Englands bekanntester Dramatiker das Wort, um die Machtpolitik der USA, zumal unter George W. Bush und deren Begleitung durch Tony Blair, vehement zu kritisieren.

Brutale Weltmaschine

So hatte er sich bereits am 10. September 2001 zu Wort gemeldet, um seinem "tiefen Abscheu" gegen die "brutale und bösartige Weltmaschine" USA Ausdruck zu verleihen – eine Kritik, die er auch unter dem Eindruck der Ereignisse des darauf folgenden Tages aufrecht erhielt. Bushs Angriff auf den Irak nannte Harlod Pinter einen "Akt geplanten Massenmordes" und die USA ein "außer Kontrolle geratenes Monster".

Seiner Wut auf die kriegerischen Aktionen der USA in Afghanistan und dem Irak machte er 2003 auch in einer Folge von Gedichten Luft, die er auf seiner Homepage und in Buchform unter dem Titel "War/Krieg" veröffentlichte. Er könne nicht entlassen werden, schließlich habe er keinen Job, hatte Pinter wiederholt gesagt – und also werde er seine Meinung äußern, solange er lebe. Die einzige Spielregel, die er uneingeschränkt akzeptiere, sei jene des von ihm geliebten Cricket. Jede andere lasse sich anzweifeln. Wie schon der Fünfzehnjährige die Schläge eines Lehrers dadurch beantwortete, dass er sich umgehend an den Schulleiter wandte, um gerechte Behandlung einzufordern.

Vor genau 75 Jahren, am 10. Oktober 1930, in Hackney im Londoner East End als Sohn eines jüdischen Damenschneiders geboren, entrückte Harold Pinter der Enge einer möglichen bürgerlichen Existenz schnell in Richtung Bühne – vorerst als Schauspieler. Auch dem Regelwerk der Royal Academy of Dramatic Art entfloh er vor der Zeit – um mit einer Wandertruppe als Darsteller in Shakespeare-Dramen durch Irland zu touren.

Strenges Räderwerk

Die Welt der Regulation beantwortete er in seinen – mittlerweile dreißig – eigenen Stücken durch ein strenges dramaturgisches Räderwerk, dessen rigide Ordnung, geschult an Kafka und Beckett, in schierem Gegensatz steht zu der Dunkelheit der Situationen und der bewussten Unsicherheit, in der er die Zuschauer setzt bezüglich Identität, Absicht und Vergangenheit der handelnden Personen. Eine Unsicherheit, die Pinters Auffassung von striktem Realismus durchaus entspricht. Kommt sie doch jener Ungewissheit nahe, in der jeder Mensch hinsichtlich der Motive allen Handelns verharrt.

So lassen Pinters gelungenste Dramen bei allem Bühnen-Realismus stets zahlreiche Deutungsvarianten zu – was ihm die Wissenschaft mit einer Flut an Magister- und Doktorarbeiten zu danken weiß. Bereits sein erstere Einakter weißt den Weg: "The Room/Das Zimmer" beschreibt die Scheinsicherheit der eigenen vier Wände ("My home is my castle"), durch deren Poren für das junge Paar Rose und Bert das Grauen dringt – nicht zuletzt in Form ihrer eigenen Kommunikationslosigkeit: Bert spricht lange Zeit kein Wort.

Vor der Einsamkeit, vor grausamen Machtspielen wie vor dem Tod schützen weder institutionalisierte Beziehungsformen wie Ehe oder Familie noch deren ziegelgewordenes Ebenbild, die starre Mauer. So erweist sich auch in Pinters bekanntestem Drama, dem Dreipersonenstück "Der Hausmeister", mit dem er sich 1960 endgültig auf Londons Bühnen als Dramatiker durchsetzte, die Möglichkeit friedlicher Koexistenz als Illusion. Der Vagabund nämlich, den zwei Brüder in ihrem heruntergekommenen Haus aufnehmen, beginnt umgehend, seine Gastgeber seinerseits zu unterwerfen.

Bröckelnde Wände

Ob in "Betrogen" (1978) der rückwärts erzählten Geschichte eines Ehebruchs oder in "Alte Zeiten" (1971), einer weiteren Variation der Versuchsanordnung mit drei Personen – einem Ehepaar und der real oder fiktiv im Raum existierenden Dritten aus früheren Zeiten –: Jean Paul Sartres "Huis Clos /Geschlossene Gesellschaft" und seine desilllusionierende Feststellung "Die Hölle sind die anderen" schimmert stets durch die bröckelnden Sprachwände Harold Pinters.

Das zunehmende Verstummen seiner Protagonisten in späteren Werken griff immer stärker auch auf ihren Autor über. Seit Jahren bereits schreibt er keine Dramen mehr, äußert sich nur mehr öffentlich und in Gedichten zu jener politischen Hölle, die die anderen, die Machthaber, der Menschheit bereiten – und zu seiner Krankheit, dem Speiseröhrenkrebs, gegen den er seit drei Jahren ankämpft.

Noch im Frühjahr dieses Jahres hatte Harold Pinter in einem Interview erklärt, 29 Dramen seien genug. Nun erklangen sie dennoch wieder, die bekannten Pinterschen Voices: Vor drei Tagen, an seinem 75. Geburtstag, strahlte Radio 3 der BBC das gleichnamige Musikdrama aus, das Pinter gemeinsam mit dem Komponisten James Clarke geschrieben hat.

Die Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises verschlug dem wortgewaltigen Kritiker der Macht einmal mehr die Sprache. "Ich bin sprachlos. Ich muss diese Sprachlosigkeit verlieren, wenn ich nach Stockholm fahre." Eine Überwindung, für die ihm zwei Monate Zeit bleiben: der Nobelpreis wird am 10. Dezember verliehen. (Cornelia Niedermeier, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Harold Pinter beim ersten Gespräch mit Pressevertretern nach der Bekanntgabe des Juryvotums

Share if you care.