Liebe und Teilnahmslosigkeit

13. Oktober 2005, 19:50
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Auf Abruf in Okinawa: Nakagawa Yosukes "Mahiro no hoshizora / Starlit High Noon"

In Taiwan nehmen sich die Menschen viel Zeit zum Essen. Eine normale Mahlzeit enthält vier Gerichte, wenn Gäste da sind werden es schnell sechs oder acht aufwändig zubereitete Spezialitäten. Für den jungen Mann, der sich in Nakagawa Yosukes "Starlit High Noon (Mahiru no hoshizora)" aus Taipeh auf die japanische Insel Okinawa zurückgezogen hat, ist die Küche die Verbindung zur Heimat. Er hat allen Grund, sich unauffällig zu verhalten. In Taipeh hat er mit einem Auftragsmord an einem Paten die Welt des organisierten Verbrechens in Aufruhr gebracht.

Auf Okinawa ist davon nichts zu verspüren. Lian Song lebt in einer schönen Wohnung mit Aquarium und Veranda. Er schwimmt jeden Tag seine Längen im Pool, der so surreal in der Landschaft liegt, als hätte der Antonioni aus der Zeit von "L'avventura" ihn gefunden. Die Mädchen im Bad attestieren ihm einen toll trainierten Körper, lassen ihn aber in Ruhe.

Lian Song hat seinerseits schon eine junge Frau im Auge. Im Waschsalon trifft er jeden Samstag auf Yukiko, die während der Woche in einem Schnellrestaurant arbeitet. Die Bentobox, die sie ihm schenkt, ist für Lian Song ein Versprechen, das sie nur einlösen kann, indem sie sich von ihm zum Essen einladen lässt.

Scheue Romantik

Die scheue Liebesgeschichte, die Nakagawa Yosuke erzählt, steht in jedem Moment unter dem Vorbehalt der Fehden in Taipeh. Dort sind die Gangster kundige Genießer, aber während sie noch ihre Anerkennung äußern, sprechen sie Todesurteile und Auslieferungsbefehle. Der Killer, der alles ausgelöst hat, muss sich stellen. Dann können die Machtverhältnisse neu geordnet werden.

Lian Song, dessen Off-Kommentar den Film bestimmt, weiß sich auf Abruf in Okinawa. Er ist hier nur, weil er am anderen Ort nicht sein kann. Die Schönheit der japanischen Landschaft, das subtropische Klima, das Leben mit Yukiko, ein Kind vielleicht - das alles schwebt ihm als Vision einmal vor, und in typisch romantischer Manier lässt er sich die Entscheidung abnehmen, ob er hier bleiben kann oder nicht.

Weil es in "Starlit High Noon" in erster Linie um einen "anderen Zustand" geht, um eine ritualisierte Form der Teilnahmslosigkeit am Leben, hat Nakagawa Yosuke dann allerdings kaum eine Möglichkeit, seine Protagonisten in ein normales Leben zurückkehren zu lassen. Der Sommer in "Starlit High Noon" ist immer während, weil er bei Lian Song mit einem Kindheitstraum verbunden ist, mit dem Bild der Mutter in einer blühenden Landschaft, das der Killer in Super-8 im Gedächtnis trägt. Nichts kann so intensiv sein wie dieses eine primäre Bild.

"Starlit High Noon" handelt von einer Vertreibung aus dem Paradies. Der Krieg in Taipeh ist dabei das geringste Problem, denn die Souveränität, die Lian Song zu erkennen gibt, wenn er über sein Leben spricht, verlässt ihn auch dann nicht, als er noch einmal an den Ort zurückkehren muss, aus dem er sich nach Okinawa zurückgezogen hat. "Starlit High Noon" variiert das Noir-Motiv vom unbehausten Killer, von einem Mann, der nur noch in einer stoischen Subjektivität zu leben vermag, dabei aber die Impressionen eines wunderbaren Sommers durchaus verspürt.

Aus diesem Kontrast zwischen Atmosphäre und Genre, zwischen Licht und Skepsis, gewinnt Nakagawa Yosuke die Formel für seinen Film.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

Von
Bert Rebhandl

15. 10., Stadtkino, 23.00;

20. 10., Künstlerhaus, 23.00

  • Artikelbild
    foto: viennale
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