"Der Raum darf nicht dem Markt überlassen werden"

7. November 2005, 14:23
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Wenn die Politik wolle, dass die Innenstädte nicht veröden, müsse man etwas dafür tun und nicht nur "mit Steinen auf Investoren schmeißen", sagt Handelsstratege Greipl

Wien – "Der Raum darf nicht dem Wettbewerb überlassen werden", donnert der Redner in den Saal, und das Publikum bricht spontan in Applaus aus. Es war keine Veranstaltung der KP Steiermark, sondern eine Enquete zum Thema "Nahversorgung" im "Julius- Raab-Saal" der Wirtschaftskammer Österreich am Donnerstag in Wien. Der Redner ist Erich Greipl, in deutschen Medien stets "Chefstratege des Metro-Konzerns" genannt. Metro ist Deutschlands größter Handelskonzern, und große Handelskonzerne werden unter kleinen Kammermitgliedern selten als Verbündete im Kampf gegen zu viel Liberalisierung angesehen.

Politik ist aufgerufen

Trotzdem, die Kämmerer sind begeistert: "Die Flächenflut im Handel in Deutschland wie in Österreich erodiert die Nahversorgungsnetze. Die Politik ist aufgerufen, endlich Rahmenbedingungen zu setzen, Ordnungspolitik ist notwendig, wenn man wirklich eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen Peripherie und Innenstädten haben will." Die derzeitige Situation sei betriebs- wie volkswirtschaftlich nicht tragbar, so Greipl weiter: Einerseits sinke die Flächenproduktivität – sprich: die generierten Umsätze pro Quadratmeter Verkaufsfläche – rasant, andererseits vernichte dann eine Investition Substanz woanders.

Falsch ist...

Falsch jedenfalls sei, die Einzelhandelsinvestoren für die Entwicklungen verantwortlich zu machen, sagt der ehemalige Artillerieoffizier und Wirtschaftsforscher am Münchner Ifo-Institut im Gespräch mit dem STANDARD. Man dürfe Kapital nicht vorwerfen, dass es veranlagt werden will, und müsse "aufhören, mit Steinen nach Investoren zu schmeißen".

Greipl plädiert weiters für eine ganzheitliche, integrierte Planung – mit Verkehrsplanern genau so wie mit Hausbesitzern und Retailmanagern: "Stadtmarketing statt nur Citymarketing". Und das Ganze sei überregional anzugehen, denn auch die Entwicklung von Hierarchien der Städte in einer Region sei planbar.

City-Maut ist Schwachsinn

Die Idee einer "City-Maut" sei in Kontinentaleuropa "absoluter Schwachsinn, Wien oder München sind nicht London", sagt Greipl, neben seiner ehrenamtlichen Funktion als Präsident der größten deutschen Handelskammer in München auch Universitätsprofessor in Mannheim. "Erreichbarkeit" sei für das Funktionieren einer Stadt wichtigstes Kriterium, denn: "Die Stadt braucht den Handel, der Handel die Stadt hingegen nicht mehr." (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

  • Erich Greipl ist Wirtschaftsforscher am Münchner Ifo-Institut und wird in deutschen Medien stets "Chefstratege des Metro-Konzerns" genannt.
    foto: standard/hendrich

    Erich Greipl ist Wirtschaftsforscher am Münchner Ifo-Institut und wird in deutschen Medien stets "Chefstratege des Metro-Konzerns" genannt.

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