Nach dem Goldrausch

13. Oktober 2005, 19:19
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Travis Wilkersons von Folkmusik erfüllte, dramtisierte US-Sozialstudie "Who Killed Cock Robin?"

Die Stadt Butte, Montana, ist eine Konstante im Werk des US-Filmemachers Travis Wilkerson. In ihrer Geschichte liegen Themen und Anliegen verborgen, auf die der Regisseur auf seiner Suche nach einem politischen Kino immer wieder zurückkommt. An "Injury to One" (2002), seine letzte Arbeit, betrieb eine Form von politischer Geografie der Stadt: Anhand des Mordes am Protogewerkschafter Frank Little, der schon als Grundlage für Dashiell Hammetts Krimi "Red Harvest" diente, breitete er ein Stück Sozialgeschichte aus, das für die USA insgesamt bestimmend war.

Wilkerson wählte damals eine experimentelle Form, die am kubanischen Dokumentaristen Santiago Álvarez ebenso geschult war wie am Landschaftsfilmer James Benning. Vornehmlich über Schauplätze wurde das Wirken der ausbeuterischen Anaconda Mining Company in den Zehnerjahren des letzten Jahrhunderts untersucht und in eine gesamtgesellschaftliche Perspektive eingebunden. Das Resultat war ein Essayfilm, der sich ein wenig wie eine Multimediainstallation ausmachte.

Mit "Who Killed Cock Robin?" kehrt Wilkerson nun nach Butte zurück, wobei er seinen Ansatz völlig neu überdenkt. Als Inspiration benennt er das politische Manifest "Für ein unvollkommenes Kino" des Kubaners Julio García Espinosa. Die formale Ausgeklügeltheit von "An Injury to One" weicht rohen DV- und Super-8-Bildern, in denen die Rollen der improvisierenden Darsteller nie deren sozioökonomischen Hintergrund verdecken.

Ausgangspunkt war diesmal eine Zeitungsmeldung, wonach ein junger Mann bei einem Ladendiebstahl ertappt wurde und eine Woche später seinen Vermieter ermordete. Sie bietet die Basis für ein fiktives Szenario um drei Männer, in dem der Mord fehlt, dafür aber die Lebensbedingungen stärker in den Vordergrund rücken.

Wie die Stadt Butte, die in den letzten Jahrzehnten noch weiter heruntergewirtschaftet wurde, befinden sich die Freunde Barrett und Murphy sowie ihr etwas älterer Vermieter in einem Zustand der Ernüchterung. Wilkerson breitet ihren Alltag aus schlecht bezahlten Jobs und sozialen Ritualen aus, bei denen viel Bier getrunken, politisiert und musiziert wird. In der Folkmusik findet der Film auch seine Entsprechung; er wechselt auf die Seite des Volkes, indem er die Folgen der Prekarität von Arbeitsbedingungen fürs soziale Miteinander beschreibt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

17. 10., Urania, 16.00
  • Mit der Gitarre gegen den Status quo: Folkmusik wird in Travis Wilkersons "Who Killed Cock Robin?" zum Ausdruck der wirtschaftlichen Malaise der Protagonisten.
    foto: viennale

    Mit der Gitarre gegen den Status quo: Folkmusik wird in Travis Wilkersons "Who Killed Cock Robin?" zum Ausdruck der wirtschaftlichen Malaise der Protagonisten.

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