Wenn sich der Nebel lichtet

14. Oktober 2005, 19:42
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Im Dorf ihrer Kindheit: Mercedes Álvarez' Dokumentarfilm "El cielo gira"

Festzuhalten, was verschwindet, dem Vergänglichen eine Form zu geben, bevor es sich der Betrachtung entzieht, ist eine der Qualitäten des Dokumentarfilms. Die spanische Filmemacherin Mercedes Álvarez leistet mit ihrem Debüt El cielo gira/The Sky Turns genau dies: Sie richtet ihren Blick auf La Aldea, das Dorf ihrer Kindheit, auf die letzten Menschen, die in den massiven Steinhäusern dieser nordspanischen Provinz zurückgezogen leben.

Álvarez war das letzte Kind, das im Dorf zur Welt kam. Das erleichtert ihre Annäherung nicht, denn sie sucht Distanz zu den Bewohnern, um sie in ihrer natürlichen Umgebung, bei alltäglichen Verrichtungen und Gesprächen zu begleiten. Erst durch den Off-Kommentar bringt sie ihre Subjektivität ins Spiel, wobei es auch hier immer wieder um die Suche nach dem richtigen Bild geht – dem Bild, das einen Moment erfasst, in dem sich die Zeiten und Geschichten überlagern.

Perspektivwechsel

Mit dem Maler Pello Azketa, der allmählich sein Augenlicht verliert, überträgt Álvarez ihr Anliegen auch noch auf ein anderes Medium: Azketa wird zu ihrem Stellvertreter, wenn er vielleicht zum letzten Mal die Schönheit der weiten Landschaften in eines seiner Gemälde überträgt. Sehen wird in El cielo gira damit auf äußerst behände und poetische Weise problematisiert. Das Bild entsteht erst durch den Blick des geneigten Betrachters.

Über den Landschaften liegt in der Früh oft der Nebel, der entweder die Sicht verstellt oder erst allmählich etwas freilegt. Er gleicht dabei der Bewegung des Films, der Spuren einer umfassenden Historie sucht. Abdrücke von Dinosaurierpranken finden sich hier ebenso wie die Überreste einer römischen Siedlung; menschliche Gebeine werden ausgegraben, aber auch die jüngere Geschichte Spaniens wird in den Gesprächen der Bewohner ausschnitthaft rekapituliert.

Bei aller Eingrenzung auf diesen Mikrokosmos des Dorfes, erweitert sich der Film zunehmend in andere Bereiche – alles nur eine Frage der Insistenz des Blicks: In zwei der komischsten Szenen verirren sich Wahlkämpfer in den Ort mit rund zwanzig Ansässigen, und sogar der Irakkrieg hinterlässt seine Zeichen. Der Wandel der Zeit manifestiert sich jedoch vor allem im Umbau eines historischen Gebäudes zum Nobelhotel. Dass die agrarische Tradition bald gänzlich weichen muss, wird in solchen Episoden am deutlichsten.

Doch El cielo gira entwickelt diesem Geschehen gegenüber keine Larmoyanz. Zwei alte Männer, die den Film mit ihrer Alltagsphilosophie bereichern, stehen für eine lakonische Sicht auf die Dinge des Lebens. Sie halten sich mit kosmischen Fragen auf, spekulieren über kommendes Leben am Mars – oder richten wie Álvarez den Blick auf den Himmel, der sich immer wieder dreht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

17.10., 18 Uhr
Gartenbau
oder
Wh.: 20.10., 13:30 Uhr
Metro
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    foto: viennale
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