"Die Betroffenen sind nicht einbezogen worden"

13. Oktober 2005, 17:40
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Mangelnde Informations­politik des Rektorats und fehlendes Budget für die Unis bestimmten die Diskussion um die Absiedlung einiger Institute der BOKU nach Tulln

"Es ist ein Wahnsinn die BOKU zu zerstückeln". Die grüne Wissenschaftssprecherin Claudia Sommer-Smolik fand bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Wissenschaftsstandort Wien" anlässlich des Aktionstags "Schöne neue BOKU" klare Worte zu den Plänen des Rektorats, einzelne Institute der Bodenkultur nach Tulln zu verlagern.

Im Festsaal der Universität für Bodenkultur diskutierten die WissenschaftssprecherInnen von SPÖ, ÖVP und den Grünen unter der Moderation von derStandard.at/Uni-Redakteurin Anita Zielina über Vor- und Nachteile einer Übersiedlung. Eva Maria Tutschku-Baldrian vertrat als Betriebsrätin die Interessen der Bediensteten. Der für BOKU-Rektor Hubert Dürrstein bestimmte Platz auf dem Podium blieb leer - trotz mehrmaliger Aufforderung war auch kein Ersatzvertreter vom Rektorat entsendet worden.

Unzureichende Informationspolitik

Der Betriebsrat suche in der Standortfrage noch immer den Dialog mit dem Rektorat, so Tutschku-Baldrian. Es sei ein "trauriges Faktum", dass ein echter Meinungsbildungsprozess nicht möglich war und ist, so die Betriebsrätin weiter. "Die Betroffenen sind bis dato nicht einbezogen worden", kritisierte sie die Kommunikationspolitik der Uni-Leitung. Für kommenden Montag hat der Betriebrat der BOKU eine Stellungnahme angekündigt, um ein eindeutiges Zeichen zu setzen.

Maßnahmen der Stadt Wien

In der Debatte darüber, wie man die BOKU in Wien halten könne, meinte die designierte ÖVP-Wissenschaftssprecherin Cortolezis-Schlager: "Die Stadt muss den Unis Rahmenbedingungen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit geben". Sie forderte die Stadt Wien dazu auf, sich nicht nur auf den Bund zu verlassen, sondern der BOKU günstige Mieten anzubieten, sie wolle sich auch im Gemeinderat damit auseinandersetzen. Michael Ludwig, Wissenschaftssprecher der SPÖ, meinte, die Universitäten lägen im Kompetenzbereich des Bundes, er sähe Wien aber als "attraktiven Unistandort", der eine hohe Lebensqualität für Studierende biete. "Von der BOKU wissen wir nicht, ob es ein Problem gibt", so Ludwig weiter. Als Wissenschaftssprecher wolle er sich aber bemühen, dass die Unis die notwendigen Mittel bekommen, um hervorragende Arbeit zu leisten. Dem zuständigen Ministerium warf er vor, die Unis im Stich gelassen zu haben. "Vielleicht ist die Brisanz der Lage noch nicht bis zum Bürgermeister durchgedrungen", so Sommer-Smolik von den Grünen.

"Die BOKU muss in Wien bleiben"

Politische Unterstützung bekommen die Studierenden und der Betriebsrat der BOKU eindeutig von den Wiener Grünen. Das Hin- und Herpendeln zwischen den verschiedenen Instituten der BOKU sei eine finanzielle Zumutung für Studierende und Uni-Bedienstete. Eine Aufsplittung der Standorte sei auch ein wissenschaftlicher Fehler, da ein Dialog im Sinne eines fächerübergreifenden Angebots nicht mehr möglich sei, so Sommer-Smolik. Außerdem könne sich kein Studierender die Eigentumswohnungen leisten, die es angeblich im Fall einer Institusübersiedelung geben soll.

Die Wissenschaftssprecherin forderte, dass sich der Wiener Bürgermeister und Rektor Dürrstein "zusammensetzen". Sie appellierte an Studierende und Bedienstete: "Wir bieten zwar Unterstützung, aber die BOKU muss selbst aufstehen und ihrem Rektor den Widerstand klar machen". Betriebsrätin Tutschku-Baldrian zu den Nachteilen einer Absiedelung: "Die Arbeitnehmer haben einen Vertrag abgeschlossen, weil sie darauf vertraut haben, dass die BOKU in Wien bleibt". Die Bediensteten hätten ihr Lebenszentrum schließlich hier in Wien.

Elite-Uni BOKU?

Für Aufregung sorgte die Aussage der designierten ÖVP-Wissenschaftsprecherin Katharina Cortolezis-Schlager, die BOKU habe es finanziell sowieso gut. "Die BOKU ist bereits eine Elite-Uni". Reaktion eines Studenten: "Wir wollen keine Elite-Uni sein!". Studierende im Publikum kritisierten, die Autonomie der Universitäten habe Strukturen geschaffen, bei denen Einzelne im stillen Kämmerchen entscheiden. Die Übersiedlung sei ein Zeichen "neoliberaler Politik".

Zum Abschluss der Diskussion gab BOKU-Betriebsrätin Tutschku-Baldrian den Politikern noch einen Wunsch mit auf den Weg: Sie erwarte sich Unterstützung von der Politik nicht nur im Hinblick auf die aktuelle Lage sondern sie solle diese Tendenz auch beibehalten. (mat)

  • Anlässlich des Aktionstages "Schöne neue BOKU" gab es eine hitzige Diskussion zu den Plänen des Rektorats, einige Institute nach Tulln auszulagern.

    Anlässlich des Aktionstages "Schöne neue BOKU" gab es eine hitzige Diskussion zu den Plänen des Rektorats, einige Institute nach Tulln auszulagern.

  • Eva Maria Tutschku-Baldrian, Betriebsrätin der BOKU Wien

    Eva Maria Tutschku-Baldrian, Betriebsrätin der BOKU Wien

  • Claudia Sommer-Smolik, Wissenschaftsprecherin der Wiener Grünen

    Claudia Sommer-Smolik, Wissenschaftsprecherin der Wiener Grünen

  • Katharina Cortolezis-Schlager, Wissenschaftssprecherin der Wiener ÖVP

    Katharina Cortolezis-Schlager, Wissenschaftssprecherin der Wiener ÖVP

  • Michael Ludwig, Wissenschaftssprecher der Wiener SPÖ

    Michael Ludwig, Wissenschaftssprecher der Wiener SPÖ

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