Reis mit scharfer Sauce

3. November 2005, 23:37
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Während sich indische Restaurants in Österreich kaum verändern, gilt die kulinarische Kultur Indiens anderswo längst als "hotter than hot"

Dass man in britischen Restaurants vergleichsweise selten etwas Essbares auf den Teller bekommt, stimmt leider immer noch. Angesichts des monumentalen Erfolges von Jamie Oliver (und den hilflosen Versuchen kontinentaler Fernsehsender, ihn und andere englische TV-Köche zu kopieren) mag das wie ein Hohn klingen. Wer nur in London unterwegs ist, wird auch nicht erleben müssen, wie deprimierend sich die Suche nach einer halbwegs verdaulichen Mahlzeit auf dem flachen Land und in Provinzstädten wie Belfast, Exeter oder Durham gestaltet.

Außer, man geht zum Inder. Ein "Curry House" gibt es in jedem kleinen Nest, und die meisten kochen hervorragend. In London steht die indische längst auf einer Stufe mit den anderen großen Küchen der Welt - Restaurants wie die "Bombay Brasserie", das "Tamarind", "La Porte des Indes" oder "Zaika" von Schauspieler Michael Caine nehmen es an Exklusivität und Delikatesse locker mit Luxus-Franzosen oder Japanern auf. Längst gilt Curry auch offiziell als beliebteste Speise auf der Insel - bis hinunter zu den Vorschulkindern, wie jüngst eine Studie festgestellt hat.

Dem wurde jetzt mit der Verleihung des "British Curry Award" Rechnung getragen, einer glanzvollen Veranstaltung mit jeder Menge Lords, Drei-Sterne-Köchen wie Heston Blumenthal und Video-Grüßen vom Premierminister. Für die indischen, bengalischen und pakistanischen Restaurantbetreiber war die Gala auch eine Ehrung der Institution "Curry House" und ihrer Gerichte: "Im 19. Jahrhundert haben die Briten den Subkontinent mit Schießpulver erobert", meinte etwa Sir Gulam Noon, geadelter Fertig-Curry-Produzent, in seiner Rede, "ein Jahrhundert später sind wir im Vereinigten Königreich gelandet und haben die britische Gesellschaft für immer verändert - mit Currypulver."

Die Party mit Tanz- und Musikeinlagen und jeder Menge farbenfroher Saris im Publikum wurde in 126 Länder übertragen - ein deutliches Zeichen, dass die Freude an handfest gewürztem Essen sich zum weltweiten Trend auswächst.

Symptomatisch

Dass Österreich nicht darunter war, darf als symptomatisch gelten. Zwar gibt es etwa in Wien reichlich indische Restaurants, ihr Stellenwert beim Publikum aber ist denkbar gering. Das mag am notorischen Konservativismus des Österreichers in kulinarischen Dingen zusammenhängen (der - warum nur? - bei minderwertigem rohem Fisch ausgeblendet wird), aber auch an der chronischen Verstaubtheit und dem oft verheerend unkonzentrierten Service vieler indischer Restaurants. Dass der bescheidene Naschmarktstand "Indian Pavilion" von Gentleman-Chef Ashok Chandihok seit Jahr und Tag (mit vollem Recht) als bester Inder des Landes gelten darf, obwohl er pünktlich vor dem Abendessen zusperrt und bei kühlem Wetter kaum fünf Gäste gleichzeitig verköstigen kann, ist schlicht eine Schande.

Dabei kann es doch nicht so schwer sein, unter dem auch in Wien recht zahlreichen bengalischen Küchenpersonal ein paar ambitionierte Kräfte zu finden, eine mehr oder minder zentral gelegene Loca- tion halbwegs luftig bespielbar zu machen und einmal zu schauen, wie weit die Hauptstädter sich in den "Spice Bazaar" entführen lassen. Die Kombo aus tollen Gewürzen, Farben und Texturen, die wichtige Rolle von Gemüse und Hülsenfrüchten, die frisch gebackenen und gebratenen Brote, die wunderbaren Chutneys, Pickles, Raitas und Salate, die sagenhafte kulturelle Diversität - was braucht man mehr für ein funktionierendes ethnisches Restaurant zeitgemäßen Zuschnitts?

Einer, der dieses Potenzial erkannt hat, ist Wini Brugger, der im "Indochine 21" schon die südostasiatische Küche für Austro-Gaumen zu zähmen verstand: "Es juckt mich seit Langem, diesen kulinarischen Kontinent für Österreich zu entdecken - ob puristisch oder in modernisierter Form." Noch hat er keinen konkreten Plan - Zeit genug für andere Mutige also, mit einem Sprung in den Currytopf entsprechende Wellen zu schlagen. (Der Standard/rondo/14/10/2005)

Von Severin Corti

Das Curryfoto wurde dem Kochbuch "Stylish India - 144 schnelle Rezepte der indischen Küche" von Monisha Bharadwaj entnommen (Collection Rolf Heyne, € 24,70)
  • Beim Curryfestival in Londons Brick Lane
    epa/lindsey parnaby

    Beim Curryfestival in Londons Brick Lane

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