Proto-Punk und Mahnmal

13. Oktober 2005, 17:27
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Nach mehreren nur mäßig gelungenen Arbeiten überzeugt der Waliser John Cale nun mit alten und neuen Qualitäten

Was war der Mann nicht schon alles! Gründungsmitglied von Velvet Underground, Proto-Punk, Brian-Wilson-Verehrer, Eishockeymaskenträger, poppergescheitelter Orchesterchef, Solopianist, Schnapsnase, Warmwassertrinker, Andy-Warhol-Freund, Lou-Reed-Feind, Filmmusikschaffender, Produzent der Stooges, von Patti Smith, von Jonathan Richman und seinen Modern Lovers und natürlich von Nico, selig. Dazu hat er seit 1970 zwanzig Soloalben veröffentlicht, diverse Kollaborationen mit Lou Reed (Songs For Drella, eine posthume Warhol-Würdigung), Bob Neuwirth oder Brian Eno (siehe unten stehenden "Klassiker der Moderne") sowie diverse Kompilationen gar nicht mitgerechnet.

Das jüngste Soloalbum der walisischen Kreativmaschine John Cale heißt Black Acetate und erfreut nach vernachlässigbaren Alben wie Walking On Locust oder HoboSapiens mit einem Cale, dem es wieder gelingt, seine physische Kraft mit seinem Innovationsdrang zu verbinden. Dabei war Skepsis angebracht. Cale, so hieß es vorab, versuche sich an zeitgenössischem Rhythm and Blues, verehre die Produktionen des HipHop-Stars Dr. Dre und versuche sich in diese Richtung: Angst! Doch zumindest nach dem ersten Song auf Black Acetate kann man Entwarnung geben. In Outta The Bag versucht sich Cale am Falsettgesang und eröffnet damit das Album ähnlich ungeschickt wie das Livedokument Comes Alive (1984) - die Dodlnummer Ooh La La. Vergeben und vergessen.

Auf Black Acetate verwendet Cale zwar programmierte Rhythmen und Loops. Doch was auf den letzten Alben noch wie ungelenkes Legospielen mit zu großen Klötzen bei zu kleinen Händchen gewirkt hat, erscheint nun endgültig angeeignet und ins Cale'sche Universum integriert. Das bedeutet, dass diese neuen Fertigkeiten nun im Dienste seines exzellenten Songwritings stehen, das wunderbare Ergebnisse hervorbringt. Satiesfied, eine Ballade, könnte auch von dem erlesenen Artificial Intelligence (1985) stammen, während Stücke, in denen die elektronische Gitarre ordentlich kracht, an eher wenig beachtete Höhepunkte in seinem Gesamtwerk denken lassen. An das toll rockende und grimmig Hungry For Love schreiende Caribbean Sunset etwa, das Brian Eno 1984 aus der Taufe hob.

Angesichts dieses neuen Formhochs sieht man dem Griesgram gerne nach, dass er sich heute für Turn The Lights On ungeniert ein Nirvana-Riff borgt. Sold-Motel klingt ebenfalls wie aus den zerrütteten 80ern herübergerettet, während die Geradeausnummer Perfect die Gesundheit und Virilität des 63-Jährigen widerspiegelt. Im Vergleich zu seinem ewigen Konterpart Lou Reed überzeugt Cale einmal mehr durch Vielseitigkeit und Lust am Neuen, während Reed ja im Wesentlichen seit 35 Jahren dieselbe Platte aufnimmt. Aber bei dem Thema wird es schnell konfessionell. Freunde von Cale sollten Black Acetate jedenfalls schätzen. Weist es doch alle Merkmale auf, für die der Mann seit Langem steht: von der aggressiv-selbstzerstörerischen Rampensau bis zum intelligent-feinfühligen Balladeur, der auch aus dem Sumpf austauschbarere Elektronik wie ein Mahnmal herausragt - mit gestrecktem Mittelfinger.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

Von Karl Fluch
  • John CaleBlack Acetate (EMI)
    foto: emi

    John Cale
    Black Acetate
    (EMI)

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