Reflexionen im Inneren der Songs

19. Oktober 2005, 20:15
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Sänger Mark Murphy hat ein Meisterstück der Balladendeutung vorgelegt, Kollege Jamie Cullum sucht hingegen seine Identität

Wenn man sich durch seine Biografie durchinformiert, findet man allerlei, was bei Mark Murphy auf eine große Karriere schließen lässt. Ella Fitzgerald hat ihn verehrt, sich der Anekdote nach gar um ein Autogramm bemüht: Sammy Davis Jr. hat ihn entdeckt, zudem findet sich auch eine lange Liste von Lobpreisungen des US-Sängers - durch Kolleginnen wie Betty Carter, Peggy Lee und Shirley Horn. Auf der anderen, der realen Karriereseite konnte man bisher nicht behaupten, Mark Murphy würde kontinuierlich im Zentrum des auch reichweitenmäßig relevanten Business stehen. Mittlerweile 73, ist er ein Musicians' Musician, der in den 50ern begann und damals kurz in den Charts war, bevor der Pop den Jazz kommerziell zu bedrängen begann. Später begab er sich auch auf kleine Umwege, hat sich in London auch als Schauspieler versucht und unter anderem Jesus dargestellt. In einem Film, der nie rauskam ...

Seit einigen Jahren muss er mitansehen, wie eine junge Generation um Leute wie Jamie Cullum die alten Songs, die Murphy doppelt so lange interpretiert, wie Cullum auf der Welt ist, erkunden, nette Vorschüsse einstreifen und Millionen verkaufen, während er zwar in Jahreswertungen von Magazinen wie Downbeat immer an vorderster Stelle zu finden ist, aber nicht die Gelegenheit bekommt, dieses Faktum einigermaßen breitenwirksam zu spiegeln. Als eigenartige Pointe darf deshalb gewertet werden, dass Murphy gerade durch einen dieser Jungspunde (Till Brönner produzierte ihn) zu einem Date mit einem Major Label kam (Universal) und all das ausspielen kann, was ihn ausmacht - auf "Once To Every Heart", also keine Selbstverleugnung betreiben muss.

Dass ist schön und bemerkenswert, denn Murphys textorientierte Kunst des Jazzerzählens bleibt nicht an der Oberfläche der Songs. Da geht es hinab in Untiefen des Emotionalen, wo sich erfahrene Katastrophen und Ernüchterung ein Matsch mit dem Wunsch, Träume noch aufrechtzuerhalten, liefern. Im samtigen Arrangement- ambiente zelebriert Murphy seine facettenreiche Kunst der intimen Songbefragung. Till Brönner, der hier unaufdringlich-geschmackvoll seine Flügelhornideen einbringt, ist zu danken, dass er Murphy ausschließlich Balladen abgerungen hat. Damit war der Beweis zu erbringen, dass Murphy neben Little Jimmy Scott der bedeutendste lebende Jazzsänger ist.

Er wird nicht so viel verkaufen wie Jamie Cullum von seiner Neuen. "Catching Tales" zeigt aber gefährlicherweise, dass der talentierte Performer und Sänger, dessen Stimme durchaus etwas Markantes hat, im Zwischenbereich von Pop und altem Jazz versucht, etwas Eigenes zu bieten. Herausgekommen ist ein nettes, mittelprächtiges Songkonvolut, bei dem Cullum sehr oft klingt wie Billy Joel seinerzeit. Cullum hat noch einen langen Weg zu sich selbst vor sich. Hoffentlich gibt ihm die Firma (Universal) die Zeit dazu.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

Von Ljubisa Tosic
  • Mark Murphy Once to Every Heart(Verve /Universal)
    foto: universal

    Mark Murphy
    Once to Every Heart
    (Verve /Universal)

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