Musikrundschau: Alte Punks, neue Hippies, große junge Schmerzensmänner

19. Oktober 2005, 20:14
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Neue Alben von Jello Biafa with The Melvins, Devandra Banhart, Fat Freddys Drop und Xiu Xiu

JELLO BIAFRA WITH THE MELVINS
Sieg Howdy!
(Alternative Tentacles/Trost)
Man kann es gar nicht genug oft betonen: Grundsätzlich wird solche Musik heute gar nicht mehr gebaut. Jello Biafra, der gute alte linke Politaktivist, Spoken-Word-Künstler und ehemalige Sänger der kalifornischen Punk-Gottobersten The Dead Kennedys aus San Francisco, veröffentlicht schon wieder ein Album mit den ebenso verdienten Abstrakt-Metal-Beuschelreißern Melvins. Nach dem gemeinsamen genialischen Gewaltakt Never Breathe What You Can't See aus dem Vorjahr deutet Biafra dieses Mal nicht nur den eigenen Klassiker Kalifornia Über Alles neu. Neben Halo Of Flies, einer Coverversion des pubertären Schockrock-Opas Alice Cooper und einem altersmilden Remix von den Drogentechno-Ahnen Ministry, setzt es dieses Mal auch Grundsätzliches: Lessons In What Not To Become. Hypernervöser wie überladener Frank-Zappa-Punkrock, vorgetragen von einer Weltklasse-Antaucher-Partie. Der gellende, kippende und hysterische Gesang von Jello Biafra macht das Ganze je nach Geschmack zusätzlich unerhört - oder unhörbar. Jello Biafra schreit: Nein!!! Die Welt fürchtet sich.

DEVANDRA BANHART
Cripple Crow
(XL/Edel)
Der New Yorker Neo-Hippie aus jenem spannend-kreativen Umfeld, in dem auch Antony & The Johnsons, CocoRosie oder Joanna Newsom arbeiten, veröffentlicht nicht nur Folk-Platten, wie andere sich ein Wurstbrot zubereiten. Mit den 22 vorliegenden neuen Songs beweist Devandra Banhart erstmals mit großer Begleitband auch, dass seine Kunst zwar eine grundsympathische ist. Im Zeichen von Bob Dylan, Nick Drake, Tim Buckley oder der heiteren Blödelei im Namen des - ausgerechnet - Paul McCartney, hier dokumentiert in der doofen Nummer The Beatles, ist aber während der letzten Monate im Zeichen eines neuen Folk schon wesentlich Spannenderes veröffentlicht worden. Kurz, Devandra Banhart kann keine zwingenden Songs schreiben. Das klingt allerdings nett.

FAT FREDDYS DROP
Based On A True Story
(Sonar Kollektiv/Soul Seduction)
Das musikalisch auf höchstem Niveau rockende neuseeländische Band-Kollektiv bietet auf diesem Debüt die mit Sicherheit entspannteste wie zwingendste CD im Zeichen von Reggae und Dub seit Jahren. Vor allem auch zu loben: der großartig beseelte Schmelztenor Joe Dukie. Jamaika taucht zwar oft an ungewohnten Orten auf. Jamaika ist aber keinesfalls überall. Dagegen wirken die ungleich berühmteren Berliner Kollegen Seeed wie derbe Schlachterbuben. Tolles Album!

XIU XIU
La Foret
(5RC/Rave Up: (1) 596 96 50)
Jamie Stewart kann man nach Robert Smith mit ruhigem Gewissen als größten und am dringlichsten leidenden Schmerzensmann des Pop betrachten. Allerdings ging und geht es hier nicht nur um musikalisch in Moll gehaltene, selbstverursachte oder -inszenierte Lebenskrisen und Großtragödien eines eher sehr depressiv gehaltenen Einzelschicksals eines jungen homosexuellen Mannes aus gutem Hause. Der geht textlich mitunter sehr drastisch zu Werk. Hier werden nach dem Meisterwerk Fabulous Muscles jetzt zwar ruhigere Töne angeschlagen. Zwischen der erhabenen melancholischen Trauer von Talk Talk, harscher Soundbrutalität aus der konkreten Musik, den wummernden Melodiebässen von The Cure und lärmigen Gitarren ist hier immer auch eines zu finden: Jamie Stewart ist einer der letzten großen Radikalen und die Möglichkeiten eines Liedes Ausforschenden des Songwriting. Hören mit Schmerzen. Es lohnt sich.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

Von
Christian Schachinger
  • FAT FREDDYS DROP Based On A True Story  (Sonar Kollektiv/Soul Seduction)
    foto: soul seduction

    FAT FREDDYS DROP
    Based On A True Story
    (Sonar Kollektiv/Soul Seduction)

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