Mit Blut geschrieben

19. Oktober 2005, 20:15
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Die US-Ambient-Rocker Earth beschwören auf ihrem Comeback die archaischen Western-Welten des Autors Cormac McCarthy

"Ganze Generationen von Indianern waren von der Ostküste über den Kontinent gejagt worden, aus den Eschenhainen in die Prärien, über den großen Strom hierher, in die Blutlande des Westens. Diese Welt kannte weder Maß noch Schranke, in ihr lebten grausame Geschöpfe, Menschen von anderer Hautfarbe, Wesen, die keiner jemals gesehen hatte und die dennoch nicht fremder waren, als jedem sein eigenes Herz sein konnte, ganz gleich, welche Wildnis, welche Bestie es barg."
Die Abendröte im Westen von Cormac McCarthy, 1985

US-Gitarrist Dylan Carlson ist der Musikgeschichte bis heute vor allem als jener Mann bekannt, der mit seinem besten Freund Kurt Cobain nicht nur die fatale Heroinsucht teilte. Carlson war es auch, der Cobain schließlich die tödliche Waffe für dessen Selbstmord besorgte.

Aus ähnlich hartem Stoff bestehen auch Carlsons musikalische Hervorbringungen. Unter dem Signet Earth und legendären Alben wie Earth 2 aus 1993 sorgte der Gitarrist mit wechselnden Begleitern seitdem für dröhnenden, schwermütigen und meist schlagzeuglosen Instrumental-Ambientrock. Der machte einem nicht nur wegen seiner scheinbaren Ereignislosigkeit und Schwermut angst und bange. Nach dem letzten Studioalbum, Pentastar: In The Style Of Demons, hatte sich diese schwere Musik aus den Bäuchen von Black Sabbaths War Pigs mit all ihren endlosen, allerdings hypnotischen Riffwiederholungen und Feedbacks gemeinsam mit Dylan Carlsons zunehmend gefährlicherem Drogenkonsum auch endgültig totgelaufen.

Carlson tauchte unter und ging auf Entzug. Die Fahne der bis knapp an den Stillstand herangeführten Zeitlupe im Bannkreis von Metal, Grunge, Noise und Ambient wie auch Minimal wurde von Earth-Schülern wie The Thrones, Warhorse, The Flat Earth Society oder Sunn O))) hochgehalten.

Nach diversen jetzt veröffentlichten Live-Alben, Remixes und bis dato unveröffentlichten Demo-Versionen liegt ab sofort mit Hex: Or Printing In The Infernal Method nach neunjähriger Pause das fünfte Studioalbum von Earth vor. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Adrienne Davis am Schlagzeug und John Schuller am Bass haben wir es bei dieser neuen Ausformung der alten tektonischen Plattenverschieber zwar immer noch mit "klassischen" Gerölllawinen zu tun, die sich hier quälend langsam wie intensiv dem Abgrund zu schieben. Carlson erweiterte sein musikalisches Spektrum aber nicht nur um solch Wunderdinge wie Spaghettiwestern-Melodien auf weitgehend unverzerrten und nicht einmal rückkoppelnden Gitarren, Banjo, Pedal Steel-Gitarre und Trombon.

Zusätzlich lehnte sich Carlson von den ideellen Vorgaben her an das gewaltige, brutale und richtungsweisende Westernepos The Blood Meridian von US-Autor Cormac McCarthy an, dessen archaische Bilder hier adäquat vertont werden. Das bedeutet allerdings nicht etwa, dass die manchmal an die Zehn-Minuten-Grenze gehenden Stücke wie etwa Land Of Some Other Order oder Left In The Desert oder Thethered To The Polestar klingen würden, als habe man Ennio Morricone-Soundtracks mit Valium sediert. Eher schon erinnern diese nach wie vor unglaublich intensiven Stücke (Stichwort: Filme im Kopf!) an die Desert Sessions von Wüsten- und Stonerrock-Gott Josh Homme. So man diesem den Rock'n'Roll mit größter Geisteskälte ausgetrieben und durch US-fixiertes europäisches Autorenkino (Wim Wenders) ersetzt hätte. Earth im Jahr 2005 bedeutet: chirurgisch exakte Schnitte durch mythologisch aufgeladene Landschaften. Kalte, klare, schneidende Leadgitarre aus dem erweiterten Americana-Fach, sowie das Gemüt einer Schildkröte. Auf ihrem Buckel schleppt sie seit Jahrmillionen unsere ganze Welt mit sich herum. Aber irgendwas geht dann ja doch weiter.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2005)

Von
Christian Schachinger
  • Earth Hex: Or Printing In The Infernal Method (Southern Lord/Trost)
    foto: trost

    Earth
    Hex: Or Printing In The Infernal Method
    (Southern Lord/Trost)

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