Der Meister macht's persönlich

18. Oktober 2005, 15:26
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Aus Fès im Norden Marokkos kann man sich ein Stück Sahara nach Hause mitnehmen. Am besten in Form von "Zelliges", den berühmten Mosaikkacheln

"Allah u akbah." Sonor dringt der Ruf des Muezzins durch den frühen Morgen. Die Nacht geht gerade über in den Tag, lässt das Auge endlich zwischen einem schwarzen und einem weißen Faden unterscheiden. Fahl schälen sich die unzähligen Minarette der Moscheen von Fès aus dem schwachen, ersten Licht.

Ein Bauer zockelt mit zwei Kühen von Allah weiß woher über die Hauptstraße der Ville Nouvelle, der 1912 von den Franzosen angelegten Neustadt auf einem Plateau im Südwesten des Königspalastes und der Mellah, dem einstigen Judenviertel.

Am Busbahnhof wartet die silberne "Gazelle der Sahara" mit röhrenden Motoren; hinter ihr treibt ein beleibter Fassi in wollener Djellaba seinen mit Schaffellen hochbeladenen Esel über die Straße hinein in die engen Gassen der mauerumgürteten Medina.

Vor dem Café Al Wahdia hocken sich Handwerker hoffnungsvoll mit ihrem Werkzeugbündel, aus dem meist eine Kelle oder ein Meißel ragt, an der Bordsteinkante nieder und warten auf einen Job. Und am Bab Jamai, jenem Stadttor, hinter dem sich das gleichnamige, 1879 für Sultan Moulay Hassan I. erbaute, in den Dreißigerjahren in eine feines Hotel umgewandelte und inzwischen stilgerecht modernisierte Palais erhebt, polieren die ersten Limousinen-Chauffeure ihre uralten, weißen Mercedes-Karossen.

Monsieur Larbi ist der Senior unter diesen Fahrern. Versunken in den schwarz-weißen Kunstfellsitz seines temposchwachen Daimlers umkreist er nun langsam den kilometerlangen Mauergürtel des alten Fès el Bali und bringt uns zu den schwarzen Rauchsäulen im Süden.

Hier erstreckt sich auf einem der vielen Hänge um den Kern der Königsstadt das Reich der Töpfer, Kachelmacher und Keramiker. Die dunklen Feuerwolken rühren von ihren traditionellen, mit Olivenkernen und Kistenlatten befeuerten Öfen, in deren rundem Bauch unter dem Strohdach sie ihre Krüge, Schalen, Vasen und die "Zelliges", die berühmten Mosaikkacheln brennen, die nicht nur in Fès historische Paläste und Privathäuser zieren, sondern auch bei Restaurierung und Neubau im ganzen Land als Dekor angefragt werden.

Seit hunderten von Jahren schon entstehen die "Zelliges", von denen es heißt, die von Sultan Mulay Idris Anfang des 9. Jahrhunderts in Fès angesiedelten 800 muslimischen Familien aus Andalusien hätten die Kunst ihrer Herstellung mitgebracht, im gleichen manuellen Verfahren.

Keine Maschine, sondern nur geschickte Finger schneiden und klopfen die aus dem feinen, grauen Ton von Fès geformten Kacheln in Form, schlagen mit wuchtigen Hämmern die unregelmäßigen Ränder glatt und entlocken dem gebrannten Quadrat jene unzähligen Varianten von Sternen, Blättern, Sechsecken, Speerspitzen, Halbmonden und Pfeilen, die später das Auge als wunderbare Mosaikbilder entzücken.

Mittels eines Bambusstäbchens, das ursprünglich in Tinte getaucht war, heute jedoch meist mit einer Kugelschreibermine verbunden ist, zeichnet der "Tailleur" die gewünschten Umrisse auf der Standardkachel vor. Danach legt er das gebrannte Toncarré vor sich auf ein niedriges Tischchen, dessen Platte aus Metall oder Marmor besteht.

Hinter dem Tischchen sitzend, den Ellbogen auf die Knie gestützt, umfasst er dann den schweren, auf beiden Seiten spitz zulaufenden Hammer und senkt den Arm mit ihm kontinuierlich und präzise längs der Umrisslinien nieder. Glatt und bruchlos geben die Kachelquadrate die auf ihrem Rücken aufgezeichneten Formen preis. Die kleinsten von ihnen - sie messen kaum drei Zentimeter - werden an ihren Rändern schräg abgeschlagen, damit mehr Fläche gewonnen wird für das spätere Einbetten in Zement.

Die Komposition dieser Kachelmosaike obliegt dem "Maalem", dem Meister. Er kniet normalerweise, neben sich die keramischen Puzzleteile, aufgeschichtet in kleinen Hügeln, geordnet nach Farbe und Form. Blau, Weiß, Schwarz, ein dunkles Grün und ein honigfarbenes Gelb umfasst die traditionelle Farbpalette, gewonnen jeweils aus Substanzen wie vermahlenen Sahara- oder Casablanca-Kieseln, Steinmehl aus dem roten Berggestein von Fès - oder von jenem Stein, der sich nur bei Regen identifizieren lässt, daneben auch Kupfer, Blei, Rost und dem Sand von Meknès.

Stück für Stück dreht der "Maalem" jede der "Zelliges" auf ihren Rücken, fügt sie bedachtsam zu einem aus der eigenen Fantasie geborenen Muster. Allein sein Gedächtnis gestattet ihm, die Farbigkeit des gelegten Motives zu kennen. Traditionell ist sie sprühend-lebendig für die Räume des Tages und matter für jene des Schlafes. Ist das Kachelpuzzle fertig, wird Zement darübergegossen. Sobald er getrocknet ist, kann die Mosaikplatte an der Wand angebracht werden - als eine von vielen, bis das Gesamtdekor des Raumes fertig ist.

Meist gestaltet der "Maalem" seine Einzelplatten nicht größer als 100 mal 60 Zentimeter, damit sie auch durch die engen, ansteigenden und abfallenden Altstadtgassen von Fés, wo nach wie vor nur Esel als Verkehrsmittel dienen, noch leicht transportiert werden können.

Nur knapp ein Dutzend kleiner Betriebe produziert die berühmten Tonwaren von Fès. "Zelliges" und "Bejmats" sind in der Regel nicht vorrätig, sondern werden aktuell, je nach Wunsch des Auftraggebers hergestellt. Wohnt er außerhalb Marokkos, können bis zur Ankunft der Ware allerdings oft Monate vergehen.

Fès ist nach wie vor Marokkos Zentrum fantasievollen Handwerks, exquisiter Künste und traditioneller Wissenschaft. Die Unesco hat die Altstadt bereits 1981 zum Weltkulturerbe deklariert, wenige Jahre später begann man mit der Restaurierung der beiden ältesten Viertel rechts und links des Oued Fès, El Kairouan und El Andalus.

In neuem Glanz erstrahlen bereits die zwölf Bronzeglocken der astronomischen Uhr aus dem 14. Jahrhundert am Anfang der Talâa Kebira, der großen West-Ost-Achse durch die Medina, auf der man zur Kissaria und zu den verschiedenen Suks gelangt, wo "Gazellenhörnchen" duften, Hammelkeulen baumeln, Garnröllchen in allen Farben glänzen und dottergelbe, spitze Lederpantoffel in hohen Türmen auf den Armen der Babuschenschuster durch die Gänge schwanken. (Der Standard/rondo/14/10/2005)

Von Rita Henß

Info

Anreise:
Die Lauda Air fliegt jeden Dienstag von Wien nach Casablanca.

Marokkanisches Fremdenverkehrsamt: Kärntner Ring 17/2/23, A-1010 Wien, Tel.: (01) 512 53 26
  • Fés ist auch das geistige Zentrum des Landes und Sitz der zweitälteste islamischen Universität, der Kairaouyine
    marokkanisches fremdenverkehrsamt

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