Steinzeit

14. Februar 2006, 14:41
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Die Frage, wann die Uhr zum Schmuck wird, lässt sich einwandfrei anhand so genannter Schmuck uhren beantworten

Dass auch dieses eher konservative Segment nicht vor Trends gefeit ist, berichtet Robert Haidinger.

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"Kaliber 101" heißt das Modell, das der Trägerin in schwierigen Zeiten als eiserne Diamantenreserve dienen kann - und alles nur, weil der findige Uhrmacher Jaeger-LeCoultre einst eine besondere Herausforderung angenommen hatte. Es war das Kunststück einer bis dato noch nie erreichten Miniaturisierung, umgesetzt in einem auf zwei horizontal übereinander gelegten Ebenen aufgeteilten Uhrwerk - ein folgenschwerer Meilenstein.

Denn damit war der Weg frei für winzige, rechteckige Schmuckuhren, die vollständig mit Diamanten besetzt werden konnten. Auch Königin Elisabeth II. trug am Tag ihrer Krönung im Jahre 1953 solch ein Stück an ihrem Handgelenk. Drei Generationen später ist die 1929 von den gefinkelten Uhrmachern des Werks Jaeger-LeCoultre verbesserte "Kaliber 101" noch immer das kleinste mechanische Uhrwerk, das je von einer Uhrenmanufaktur produziert worden ist. Barbie könnte sie am dünnen Handgelenk tragen, wenn die außergewöhnliche Kleinheit nicht von Anfang an ein ganz anderes Resultat gezeitigt hätte. Genau: Der gewonnene Raum wurde postwendend in Diamanten und artverwandte Klunker investiert.

"Less (watch) is more (jewellery)" ließe sich dazu in, nein, nicht Anlehnung, sondern Vorausnahme eines später entstandenen Zitats sagen. Die im Schweizer Vallée de Joux beheimateten Meister der mechanischen Miniuhr sind denn auch bis heute eine interessante Adresse, wenn es um elementare Errungenschaften hinsichtlich der Gestaltung von Schmuckuhren geht. Denn bereits wenige Jahre nach dem "Kaliber 101" wurde 1931 eine weitere Entwicklung lanciert, die dem Zeitmessgerät geradezu paradiesische Dekooptionen einräumte. Ein ob seiner eingeschlagenen Armbanduhr erzürnter britischer Polospieler gab damals den Anstoß zur Entwicklung der Reverso-Technik, einer Uhr, deren Gehäuse sich auf einer Bodenplatte vollständig drehen ließ, das zerbrechliche Glas im Ernstfall also zuverlässig schützt, und mittels einer bald schon dekorativ gestalteten "Rückseite" auch die verschiedenen Lebensaspekte des Trägers gebührend unterstreichen konnte.

Bekam der Polomann dank Reverso zunächst bloß die Gelegenheit, während seiner Freizeit gefahrlos auf seine gewendete Uhr einschlagen zu lassen, so betonten die im Laufe der Jahrzehnte entstandenen, eigenständigen Reverso-Damenlinien die "andere Seite" der Trägerin bald auf elegantere Weise. In der Folge entstanden Uhren mit immer exklusiverem Schmuckcharakter und ausgeprägten Tag/Nacht-Seiten. Verwandelt sich etwa die Belle-Epoque-Variante "Reverso Florale" gewissermaßen im Gehäuseumdrehen "nur" in eine blühende Edelsteinwiese, so wurde das Konzept mit den "Reverso Duetto"-Modellen um noch einen Dreh verfeinert: Hier lässt sich nicht Schmuck- oder Uhren-Seite aufschlagen, sondern zwischen zwei Rücken an Rücken liegenden Zifferblättern sowie Zeigerpaaren changieren. Leichthin wandelt sich die Edel-Business-Uhr so ins güldene Opern-Tick-Gehäuse.

Miniuhren mit angeschlossenem Diamantenfuhrpark, Jekyll-&-Hyde-Optionen am Handgelenk, und im Falle von Jaeger-LeCoultre auch noch steinsetzertechnische Extratouren wie der "Schneebesatz", bei dem die unterschiedlich großen, teils winzigen Diamanten nach der kreativen Eingabe des Setzers flächendeckend aufs Gehäuse "niederrieseln" - mit all diesen Dingen ist freilich erst die Oberfläche einer sehr speziellen Uhrenmarktnische angekratzt. Philosophieren über Fragen eines veränderten Schmuckbegriffes oder gar allzu resch vorgetragene Avantgardismen der modernen Schmuckkunst, die längst mit Bodyimplantaten und um den Hals gewickelten Gedichtzeilen nach neuen Ausdrucksformen des Uraltthemas "Schmuck" sucht, sollte man an dieser Stelle besser nicht erwarten.

Schmuckuhren schlagen ganz klar in eine andere, zweifellos konservativere Kerbe. Hier ist das Produkt noch Konto am Handgelenk und Wertanlage, zumindest Visitenkarte im gesellschaftlichen Kontext. Kreationen wie die jüngste Schmuckuhr der Breguet-Kollektion "Reine de Naples", ein am zarten Knöchelchen gleißendes, garantiert champagnerdichtes und mit Naturperlmutt und handguillochiertem Gold sanft schimmerndes Prachtstück, hält damit auch nicht hinter dem Berg, Pardon, Ärmelrevers. 23.050 Euro kostet die eiförmig gestaltete und mit kugelförmigem Bandanstoß versehene, kleine "folie", die die Trägerin immerhin in eine Firmenkundenreihe mit Damen wie Marie Antoinette stellt.

Wie bei altem Geldadel der Fall, ist denn auch das Festhalten an historischen Stilen und Referenzen ein in die Lupe springender Charakterzug der meisten Schmuckuhren. Wenn Cartier mit anhaltendem Stolz auf die Tuttifrutti-Uhr der 30er-Jahre verweist und diesen seither lustig weitergepflogenen Mix aus Saphiren, Smaragden, Rubinen und - zur Steigerung des Kontrasts! - Diamanten einstreut, so handelt es sich in der Tat um ein reines Glaubensbekenntnis zu andauernden Werten. Ähnliches ließe sich für denselben Erzeuger über sein ungebrochen streichelweiches Verhältnis zum Panter sagen: Die präzisen Skizzen von Tieren, die Cartier-Zeichner in den 40er-Jahren aus dem Zoo in Vincennes in die Werkstätten trugen, taugen auch heute noch als Vorbild - und schmiegen sich weich und mit schwarzen Obsidianfellflecken um den philosophischen Gleichmut der Zeit und der darin verankerten Cartier-Zeiger. Doch die Welt ist keine Insel, die sich auf Dauer von Prinzessschliff-Diamanten und Weißgold in Schach halten lässt. So erwies sich auch das Schmuckuhrensegment nicht gänzlich immun gegen Moden und Trends.

Neue Inputs gingen dabei nicht zuletzt auch von jenen Herstellern aus, deren sorgfältig auf Linie gebrachtes Design für die Firmen-CI steht. Die charakteristische, glatte, harte, unübersehbar "Ich-bin-ein-Stück-Hightech-Keramik!" signalisierende Rado-Optik konnte im Rahmen der Schmucklinie selbstverständlich nicht aufgegeben werden - und sprengt allein dadurch traditionelle Sujets. Das Modell "V10K Jubilé" zeigt, wie das funktioniert: Diamanten zum Quadrat kommen hier auf der üblichen, kratzfesten Rado-Materialhärte zu liegen.

Notfalls wird aber auch Weiß zum neuen Rado-Schwarz: Rado Sintra Jubilé heißt das dann. Weit mehr Unruhe als der prägnante Designstil eines einzelnen Herstellers bescherte dem Schmuckuhrenmilieu aber die seit den 70er-Jahren einsetzende, zuletzt verstärkt beobachtbare Liaison zwischen der stockseriösen Uhrenbranche und der schillernden Welt der Modelabels. Dass bei den Uhren der Couturiers die Nähe zur Schmuckuhr ebenso vorprogrammiert ist wie der neue, spielerische Input, das beweist auch ein Blick auf ganz aktuelle Schmuckuhrentrends.

Pinkfarben und joggingtauglich abgespeckt kommen Tissot oder Montblanc daher. Ton in Ton erweist aber eben auch Chanel seine tickende Hommage an die traditionelle Hausblume - und liegt dabei gut im jüngsten Blümchentrend. Prachtvoll ist die Blütenlünette der "Camélia" dabei auf jeden Fall: 18 Karat Weißgold, 99 rosa Saphire sowie 48 Diamanten am hellrosa Satinarmband zeigen auch hier, dass man bei Chanel-Damen keinesfalls sparen kann. Das weiß man auch bei Hersteller Tissot und transferiert die alte Sache mit der Blüte ins symbolistische Fach: "Precious Flower" lässt sich an ihrem Satinband wie eine geschlossene Knospe tragen - deren Blütenpracht sich langsam und durch Drehen der Lünette entfaltet. Oder auch nicht. Denn alles hat bekanntlich ja seine Zeit.
(Der Standard/rondo/14/10/2005)

  • "Secret Love" von Tissot
    foto: designer

    "Secret Love" von Tissot

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