Die Geschichte von Männchen und Weibchen

19. Oktober 2005, 14:44
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100 Jahre gibt es die Partnerschaft von Stecker und Dose. Wie das Kabelende in der Wand zu verschwinden hat, spornt Designer, Architekten und Häuslbauer an

Hätte sich Thomas Alva Edison 1897 auch noch um die Erfindung der Steckdose gekümmert, dann würde sicherlich auch seine Glühbirne von Beginn an noch mehr Anklang gefunden haben. Doch irgendwann kam sie dann doch noch, jene "Vorrichtung zum Anschluss an das Stromnetz", wie einem der Wahrig verrät. Verantwortlicher war Harvey Hubbell, der im Jahre 1904 unter der Kennzahl 774.250 eines seiner insgesamt 45 US-Patente anmeldete: Stecker und Dose. Aus dieser Symbiose fortan nicht mehr auseinander zu denken, war die Steckdose in ihren Anfängen aus Bakelit, später meist aus billigeren Kunststoffen, bisweilen sogar aus Porzellan oder Glas. Ja, es gibt sogar Menschen, die möchten die Steckdose in diversen Baumärkten sogar schon in Holz gesichtet haben. Einzig, ganz aus Metall sollte sie nicht sein, würde doch diese Materialvariante gar etwas übereifrig dem Sinn eines Stromanschlusses gerecht werden. Gibt man heute im Google - im Anflug sentimentaler Gefühlsschwaden - die beiden Begriffe Steckdose und Bakelit ein, so wird man mit Verlaub nicht umhinkommen, sich auf die Homepage des deutschen Versands "Manufactum" weiterzuklicken.

Es gibt sie noch, die guten Dinge. Noch bevor Stromanschlüsse geerdet und im Zuge dessen Stecker und Dose vereinheitlicht wurden, trieb man schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Strompiraterie, stets auf der Suche nach den niedrigsten Stromkosten. Zu Beginn zahlte man für Strom zum Zwecke der Beleuchtung viel weniger als für andere Stromverbraucher wie etwa Föhn, Toaster oder Staubsauger. Morphologie von Steckdose und dazugehörigem Stecker sollten diese Diversifizierung etwas in den Griff bekommen. Die Folge: Am Schwarzmarkt boomte der Verkauf diverser Haushaltsgeräte mit individuell zusammengeschraubten Steckformationen, wie man sie sonst nur bei Beleuchtungskörpern einzusetzen pflegte. Da sage noch jemand, die "Geiz-ist-geil"-Gesellschaft sei eine Erfindung des erst letzten Jahrzehnts.

Mit dieser begünstigenden Ode...

... an die allseits erleuchtete Glühbirne war es irgendwann einmal vorbei. Die Vereinheitlichung und Normierung der Schnittstelle zwischen Kabelende und Wandloch brachte unterschiedlichen Ländern unterschiedlichste Modelle ein, wollte sich doch jede Nation mit ihrem eigenen Anschluss-Design rühmen. Im technischen Fachjargon spricht man - selbstredend - von Männchen und Weibchen, die sich weltweit in 13 untereinander nicht kompatiblen Stecksysteme vereinen, durchbuchstabiert nach den Modellen A bis M, in den meisten Ländern Mitteleuropas erfreuen wir uns am Energieboten der Type F.

Strom kommt aus der Steckdose, keine Frage. Es gibt kaum einen anderen energetisch so inflationär verwendeten Satz in der Literatur und im Journalismus wie diesen. Und tatsächlich: Im Alltag hört das Denken in Bezug auf Strom meist schon bei der Schuko-Dose auf, wie die namentlich korrekte Schutzkontaktdose oft abgekürzt wird. "Plug in and play" - die Computerindustrie verspricht's, die Steckdose löst dieses Versprechen schließlich ein. Kein Wunder also, dass sich die Industrie so gern und so kreativ mit dieser Sparte des Designs auseinander setzt. Der große Denker Roland Barthes hätte sich wahrlich gewundert, welch hässliche Ausmaße Kunststoff überhaupt annehmen kann, als er in seinen "Mythen des Alltags" den Kunststoff einst als die erste magische Materie bezeichnete, die zur Alltäglichkeit bereit sei. Doch auch schon Barthes runzelte die Stirn ob des materiell spröden Images: "In der poetischen Ordnung der großen Substanzen ist es ein zu kurz gekommenes Material, verloren zwischen der Dehnbarkeit des Gummis und der flachen Härte des Metalls."

Was hat uns das heutige Steckdosendesign zu sagen?

Die grandiosen Aufputz-Formen aus Bakelit und die reizend vereinten Drillingssteckdosen gehören längst schon der Geschichte an, was angesichts der aktuellen Kreativschübe der Elektro-Designer zutiefst bedauernswert ist. Nur wenige Schalterprogramme - ja, so heißt es im Fachjargon, wenn von der Produktlinie von gleichermaßen Schaltern und Steckdosen die Rede ist - nehmen sich so dezent zurück, dass sie auch wirklich nur zum Knipsen und Stecken da sind. Meist prangen sie als hässliche Ausgeburten im blank polierten Pensionistenbeige oder in der unerträglichen Farbe dritter Zähne an der Wand - die Branche bezeichnet diese abenteuerliche Chromatographie euphemistisch als Elektroweiß.

Doch wie schon der japanische Kunststoffproduzent Kenji Ekuan so treffend sagte: "Plastic never dies." Vielleicht also den Weg einschlagen, den auch Werner Sobek mit seinem Hightech-Haus in Stuttgart beschritten hat. In seinem rundum verglasten Privatwohnsitz befinden sich weder Schalter och Türklinken oder Griffe, alles funktioniert per Fernsteuerung, mittels Sensor oder Touchpads. Doch worauf auch der minimalistische Sobek nicht verzichten konnte, ist - letztlich - die gute alte Schuko-Dose.
Wojciech Czaja/Der Standard/rondo/14/10/2005)

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    foto: der standard
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