Designorgasmen dauern länger

18. November 2005, 21:10
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Das Designmuseum Helsinki widmet ihm eine Retrospektive: Designer, Architekt und Regisseur Stefan Lindfors im Interview

Crossover ist die Arbeitsweise, die Stefan Lindfors seit 20 Jahren betreibt. Tanja Paar traf den Designer, Bildhauer, Architekten und Regisseur in einer Retrospektive, die ihm das Designmuseum Helsinki zur "Design Week" ausrichtete


Schon einmal erregte Stefan Lindfors mit dem Durchbrechen von Konventionen internationales Aufsehen: Seine Halogenlampe "Scaragoo", die er 1987 bei der Möbelmesse in Mailand präsentierte, entsprach so gar nicht dem, was man sich gemeinhin unter finnischem Design vorstellt - und doch wurde das zoomorphe, an eine Languste gemahnende Stück ein Renner und von niemand Geringerem als Ingo Maurer produziert.

Weitere Stationen des Erfolgs führten den 1962 auf den Aaland Inseln geborenen Designer und Innenarchitekten nach New York, wo er mit dem "Kemper Chair" und Ölkanistern für Finnlands Chemieriesen Neste reüssierte. Neben Entwürfen für renommierte Designfirmen wie Hackman, Arabia und Marimekko lieferte Lindfors monumentale Installationen in Los Angeles ebenso wie in seiner Heimat Finnland. Seit dem Frühjahr 2002 arbeitet Lindfors auch als Regisseur von Werbefilmen und Musikvideos. Sein jüngster Streich ist ein ebenfalls recht ungewöhnliches Designobjekt: der Vibrator "Serpent".

DER STANDARD: Herr Lindfors, was ist Ihr Zugang zu Sexspielzeug?

Stefan Lindfors: Als ich gefragt wurde, einen Vibrator zu designen, war meine erste Reaktion: Das interessiert mich nicht. Ich besitze zwar viele, aber einen designen? Vielmehr interessierte mich die Entwicklung der Gesamtstrategie, schließlich habe ich an dem Entwurf, der industriellen Entwicklung, der Grafik und dem Werbespot für "Serpent" gearbeitet.

DER STANDARD: Seit dem Frühling 2002 machen Sie bereits Werbefilme, u. a. für Nokia. Haben Sie keine Sorge um Ihren Ruf als Designer?

Lindfors: Immer wieder höre ich: "Warum zum Teufel machst du Werbung?" Ich finde diese Berührungsängste total unnötig. Ich habe immer in vielen unterschiedlichen Disziplinen gearbeitet, professionell betrachtet und entwickelt ist ein Dildo nichts anderes als eine Kaffeetasse.

DER STANDARD: Es wird doch aber Unterschiede geben in Ihrer Arbeit als Industrial Designer oder zum Beispiel als Bildhauer?

Lindfors: Für mich war es immer ganz entscheidend, an vielen ganz verschiedenen Projekten zu arbeiten. Ich meine, Industrial Design ist leichter als freies, künstlerisches Arbeiten, weil man dabei so viele Restriktionen hat. Meine Gläser "Boy" z. B., die ich für Iittala gemacht habe: Ein Design für eine Marke wie Iittala sollte aussehen wie die Marke, aber auch wie ich und zusätzlich so etwas wie eine kleine Erfindung beinhalten. Das ist nicht so einfach.

DER STANDARD: Ausgehend vom Beispiel Iittala als einer genuin finnischen Brand: Ihnen wurde oft vorgeworfen, dass Sie kein finnisches Design machen. Wie sehen Sie das?

Lindfors: Das ist Unsinn. Ich bin Finne, also ist auch der Vibrator finnisches Design.

DER STANDARD: Sie haben einmal gesagt: "Finnland war nie ein Designland." Ist es schwierig für Sie, mit der starken finnischen Tradition umzugehen?

Lindfors: Habe ich das gesagt? - Wir haben eine großartige Tradition, aber das Problem ist, an sie anzuknüpfen. Ich habe 1988 mein Studium an der Universität für Kunst und Design in Helsinki abgeschlossen, das war eine sehr ruhige Zeit. Seit den 50er-Jahren war wenig passiert, ich war allein. Als ich die Lampe "Scaragoo" entwickelte, war ich im Zentrum des Interesses. Die meisten meiner Lehrer und Kollegen sagten: "Das ist kein finnisches Design." Das ist heute sicher leichter.

DER STANDARD: Sie haben lange in New York gelebt. Warum sind Sie 2001 nach Finnland zurückgekehrt?

Lindfors: Ich wollte Filme machen, und ich wusste: Mit dieser Agenda in New York - no way. Auch in Finnland hat es über ein Jahr gedauert bis zum ersten Film für die finnische Telekomfirma DNA. Dann ging es Schlag auf Schlag, ich habe in zwei Jahren rund 40 Filme gemacht und bin als Regisseur durch die Londoner Produktionsfirma "Great Guns" vertreten.

DER STANDARD: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Lindfors: Eine große Skulptur und weitere Sexspielzeuge für die Firma "Sin City".

DER STANDARD: Bei all diesen unterschiedlichen Arbeiten, was macht am meisten Spaß?

Lindfors: In der Architektur und im Design gibt es oft Meetings, die machen nicht wirklich Spaß. Am liebsten mache ich Filme, aber - er greift sich eine seiner Tassen "EgO" für Arabia- die Designorgasmen dauern länger. (DER STANDARD, rondo/14/10/2005)

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