Sieger ist, wer nicht frei wählen kann

9. Oktober 2006, 09:15
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Spieltheorie und ihre Bedeutung für die unternehmerische Realität: Mathematische Modelle erklären Konflikt Boeing gegen Airbus - oder auch Billa gegen Spar

Wien - Vor etwa einem Jahrzehnt begannen Boeing und Airbus mit der Planung für neue Großraumflugzeuge. Beide Konzerne erkannten rasch, dass der Weltmarkt nicht groß genug für zwei Flugzeuge dieses Typs ist. Wenn einer allein einen Superjumbo baute, hätte er Chancen auf große Gewinne. Täten es beide, dann wären hohe Verluste vorprogrammiert.

Das ist eine typische Situation, in der die Spieltheorie in der Geschäftswelt ihre Anwendung findet: Die Wahl der besten Strategie hängt vom Verhalten des anderen ab, und dieses wiederum von den eigenen Entscheidungen.

Im Fall der Flugzeugbauer gelang es Airbus, dem Konkurrenten frühzeitig klar zu machen, dass man den Riesenflieger auf jeden Fall bauen werde - ob mit Gewinn oder Verlust. Daraufhin zog Boeing seine Pläne zurück und suchte nach anderen Nischen.

Airbus verfolgte dabei genau jene Strategie, die der neue Wirtschaftsnobelpreisträger Thomas Schelling als besonders Erfolg versprechend beschrieben hat. Indem die Europäer glaubwürdig machten, dass sie auch zu unvernünftigen Vorgangsweisen bereit seien, konnten sie ihren Willen durchsetzen. Möglicherweise signalisierte Airbus dabei, dass die Politiker in Europa es gar nicht zulassen würden, den A-380 nicht zu bauen.

Wer über weniger Optionen verfügt, hat die besseren Karten

Auch das passt in Schellings Modell: Wer über weniger Optionen verfügt, besitzt oft bessere Karten in Verhandlungen. Eine Armee, die sich den Rückzug abschneidet, indem sie etwa Brücken sprengt oder Schiffe anzündet, demonstriert damit, dass sie im Kampf ihr Letztes geben wird. Allein diese Drohung kann genügen, um den Gegner in die Flucht zu schlagen.

Schelling hat seine Ideen am Höhepunkt des Kalten Krieges entwickelt, als die USA und die Sowjetunion Wege suchten, ihre Atomwaffenarsenale politisch umzusetzen, ohne dabei den totalen Krieg zu riskieren. Er baute auf den Erkenntnissen der Mathematiker John von Neumann und Oscar Morgenstern auf, die als Begründer der Spieltheorie gelten.

Kalter Krieg um Marktanteile

Ihre wichtigsten Anwendungen findet die Spieltheorie seither in der Ökonomie - etwa in der zwischenstaatlichen Handelspolitik und in oligopolitischen Branchen mit wenigen mächtigen Anbietern. So lassen sich Rabattschlachten von Billa und Spar, in denen beide um Marktanteile kämpfen, aber Margen verlieren, spieltheoretisch erklären.

Aber auch für Sozialwissenschaftler ist die Spieltheorie interessant. Das berühmteste Gleichnis ist das Gefangenendilemma, in dem zwei Verdächtige vor der Wahl stehen, im Tausch für eine Straferleichterung die gemeinsame Tat zu gestehen oder stumm zu bleiben. Das Problem dabei ist, dass beide besser dran wären, wenn sie beide schweigen, aber keiner riskieren will, dass er Opfer des Handels des Kumpanen wird.

Die Botschaft dieses Spiels: Wenn jeder nur nach dem eigenen kurzfristigen Interesse handelt, dann wird das Kollektiv zum Verlierer. Aber selbst wenn die Kooperation funktioniert, hat der Einzelne stets den Anreiz, auszuscheren - etwa Steuern zu hinterziehen, auf der Autobahn zu rasen oder den Mist achtlos auf die Straße zu werfen.

Der Israeli Robert Aumann, der mit Schelling den Nobelpreis teilt, hat unter anderem in mathematischen Modellen gezeigt, wann die Chancen für eine Kooperation am höchsten sind - nämlich dann, wenn die Spiele möglichst oft wiederholt werden. In solchen Fällen zahlt sich unkooperatives Verhalten weniger aus, da die anderen Spieler einen bestrafen können.

Evolution

Das beschäftigt inzwischen auch Entwicklungsbiologen: Wie sich zeigt, waren in der Evolution jene Tierarten am überlebensfähigsten, die das Gefangenendilemma untereinander am besten überwinden und zu einer stabilen Kooperation gelangen. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2005)

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    Ein "Spiel" mit Milliardenfolgen: Würden beide auf ein Großraumflugzeug setzen, verlören beide. Airbus hielt dem Druck stand, Boeing gab nach.

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