Bei der Blumenfrau

17. Oktober 2005, 10:22
posten

Frau G. hat ihr Blumengeschäft vor mittlerweile 123 Jahren gegründet - Behauptet die Wirtschaftskammer ...

Es war vor mittlerweile 123 Jahren. Vielleicht auch ein oder zwei weniger. Oder mehr. Das spielt eigentlich keine Rolle. Jedenfalls hat Frau G. da ihr Blumengeschäft in Margareten gegründet. Behauptet die Wirtschaftskammer. Und gratuliert. Aber das ist schon 13 Jahre her: Die Urkunde hängt eben seit 13 Jahren im Blumenladen.

Freilich: Wenn man Frau G. fragt, wie sie ihre Frische – sie schaut hinter ihrer Blumenbudel nicht annähernd halb so alt aus, wie ihr Geschäft angeblich ist – denn erhalten hat, schaut sie verdutzt. Wie? Was? Was solle denn die Frage? Ob Blumen so etwas wie ein Jungbrunnen sind? Der Unterton wird kurz misstrauisch.

Frohbotschaft

Natürlich ist Frau G. Geschäftsfrau genug, um gleichzeitig die prinzipielle Botschaft zu bejahen: Klar – Blumen halten frisch, jung, lebendig, vital und schön. Weil sie nämlich glücklich machen. Den, der sie schenkt und jeden (nein, sagt Frau G., längst nicht mehr nur Frauen, aber Männern Blumen zu schenken müssten Frauen ebenso erst lernen, wie Männer das Blumenannehmen), der sie bekommt.

Und sie, sagt Frau G., natürlich auch. Weil sie bLumen mag. Und davon lebt, Blumen zu verkaufen. Das sei im Übrigen – siehe das soeben gesagte – wirklich ein schöner Job. Sogar wenn man Kränze für Begräbnisse macht. Weil da immer die Hoffnung sei, dass das, was auf den Schleifen steht, von Herzen kommt. Oder zumindest als Trost aufgenommen wird. Außerdem riecht es in Blumeläden immer gut. Gesund und frisch – nach Leben eben. Das halte wirklich jung, meint Frau G. – aber woher die Frage käme, würde sie jetzt trotzdem gerne wissen.

Das Diplom

Ach das, lacht Frau G., nachdem sie dem zeigenden Finger quer über die Budel mit den Augen gefolgt ist. Das Diplom, die Urkunde, die habe sie schon komplett vergessen. Und obwohl das Blatt doch so zentral hänge, sei das, was drauf steht, lange keinem mehr aufgefallen. Damals, als sie es bekommen hat, sagt Frau G., habe sie sich eher gewundert, aber – sie glaubt es heute zumindest – nichts gesagt, weil sie niemanden bloßstellen wollte. So wichtig sei das schließlich auch nicht – aber weil sich das so gehört, habe sie die Urkunde neben die anderen gehängt.

Die Wahrheit, sagt Frau G. und klebt das Papier um den Strauss zu, sei natürlich total banal: Die Kammer habe ihr zu einem runden Jubiläum gratuliert – und irgendwer sei versehentlich vom Gründungsjahr des traditionsreichen, von ihr geführten Blumenladen ausgegangen. Aber eigentlich, lacht Frau G., wäre das mit dem Alter gar kein schlechter Punkt. Ob es sich wohl auszahle, das Jungbleiben-mit-Blumen zu einem kleinen Werbethema zu machen?

Der Strauss ist fertig. Macht 12 Euro, sagt Frau G. Und ich möge auf die richtige Wassertemperatur achten. Weil dann die Blumen länger halten. 110 Jahre. Mindestens.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.