Rohe Energie und offene Herzen

12. Oktober 2005, 22:16
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Starsailor-Sänger James Walsh und Drummer Ben Byrne im Gespräch über Rock'n'Roll-Lifestyle und ihr Album "On The Outside"

Die Band Starsailor zählt seit ihrem Auftauchen vor vier Jahren mit zu den erfolgreichsten Pop-Exporten der britischen Insel. Sänger James Walsh und Drummer Ben Byrne im Gespräch über Rock-'n'-Roll-Lifestyle, persönliche Ängste und ihr neues Album "On The Outside".

Wien – James Walsh lässt sich mit seinen Antworten auf Fragen viel Zeit. Der Mittzwanziger mit der Fußballerfrisur Jahrgang 1978 beginnt sie – obwohl er Brite ist – meist mit einem lautmalerisch gesprochenen "Ähm" und beendet sie mit einer nach oben gezogenen Schlusssilbe. So als wären selbst seine langsam und mit Bedacht gegebenen Antworten ein wenig fraglich.

Neben ihm sitzt Ben Byrne, die Arme verschränkt. Seine Wortmeldungen kommen knapp und schnell. Byrne, der Pragmatiker, ist Schlagzeuger, Walsh Sänger der Band Starsailor, deren drittes Album "On The Outside" am Freitag erscheint.

Wenn Walsh bei einer Antwort zu lange braucht, kann es vorkommen, dass Byrne ihm etwas beisteht: "Was James meint ist ... Zack! Zack!" Nächste Frage. Immerhin warten noch andere Journalisten.

Die nach einem Album des verstorbenen Songwriters Tim Buckley benannte Band debütierte 2001 mit dem offenherzig betitelten "Love Is Here", das ein internationaler Überraschungserfolg wurde. Walsh: "Ähm – es war seltsam, aber wir beklagen uns nicht."

Die Band zählte man zu den "neuen Sensiblen" aus Großbritannien, die das Publikum als Gegenentwurf zu Typen wie den rüpelhaften Gallagher-Brüdern von Oasis dankbar aufnahm. Bands wie Travis oder die längst zu Superstars gewachsenen Coldplay, die viel mehr an gefühlsechter Romantik als an wildem Rock-'n'-Roll-Lifestyle interessiert waren und sind.

Walsh: "Wir führen sehr normale Leben. Der Rock'n'Roll bleibt auf der Bühne. Es gibt genügend abschreckende Beispiele dafür, was passiert, wenn jemand glaubt, nach diesen Klischees leben zu müssen. Klar waren wir auch schon besoffen. Wir sind keine Chorknaben, aber in einer funktionierenden Band hat man Verantwortung gegenüber den anderen. Und wir wollen funktionieren. Deshalb überlassen wir das Fernseher-aus-dem-Hotelzimmer-Werfen unseren Roadies." Und Ben Byrne legt nach: "Schau dir nur Pete Doherty (den drogensüchtigen Freund von Kate Moss, Anm.) an. Da wird einem ja beim Zuschauen schon schlecht."

Ihr zweites Album "Silence Is Easy" (2003) produzierte der Wall-of-Sound-Erfinder Phil Spector mit, bevor er wegen einer Mordanklage gegen ihn andere Prioritäten setzen musste. Auch dieses Werk verkaufte sich wie die warmen Semmeln und hatte mit der Clubnummer "Four To The Floor" einen satten Hit.

Walsh: "'Silence Is Easy' entstand unter starkem Erwartungs- und Zeitdruck. Nach dem Erfolg des ersten Albums mussten wir schnell etwas nachlegen. Und zwar etwas, das unsere eben erst gestartete Karriere nicht gleich wieder beendet. Zum Glück ist uns das ja gelungen. Für 'On The Outside' haben wir uns aber viel Zeit genommen."

Das neue Album ist das bislang beste der drei. Trotz nach wie vor ausgestellter Gefühlswelten, erscheint es angriffslustiger und druckvoller als seine Vorgänger. Walsh: "Wir haben sehr viele Liveshows gespielt und versucht, die Energie, die live entsteht, zu erreichen. Dazu hat sich auch die Herangehensweise ans Songschreiben geändert. Da waren wir auf unseren ersten beiden Alben vorsichtiger, jetzt haben wir einfach die Gitarren eingesteckt und haben losgespielt."

Ben Byrne weiter: "Diese rohe Energie haben wir versucht in die Songs überzuleiten. Ich mag das an den Foo Fighters. Die sind sehr heavy, haben aber auch sehr poppige Momente. Das war die Balance: Ein energetisches Album zu machen, ohne auf die emotionelle Seite zu vergessen."

Liebe und Slogans

Das gelingt dem Quartett bestens. Etwa im Song "Counterfeit Life", bei dem eine fette Orgel gleichzeitig Druck und Wärme verantwortet. Dazu kommen Stücke, die zwischen naiver Hoffnung und Selbstzweifel auch die bisherigen Werke erreichen. Das sloganhaft formulierte "Faith Hope Love" etwa, das sich wie ein Gegenentwurf zum illusionslosen "Birth School Work Death" der bekannten Achtzigerjahre-Working-Class-Band The Godfathers ausnimmt.

Walsh: "Komisch, wir kennen diesen Song gar nicht, aber man hat uns schon öfter darauf angesprochen. Es ist jedenfalls ein sehr angstvoller Song über zerbrechliche Menschen, denen das Leben zu viel zumutet. Darin spiegeln sich wohl auch meine Ängste als Vater wider."

"Ängste gut und schön", wirft Ben Byrne an dieser Stelle ein, "aber wir sind eigentlich keine Depro-Typen. Wir haben den besten Job der Welt – zumindest für uns. Rockmusik spielen, herumreisen, die Welt sehen, coole Leute kennen lernen und davon leben können. Da ist man selten sehr traurig". "Ähm – ja", stimmt Walsh zu, "aber das hindert einen nicht daran, nachdenklich zu sein."

Apropos: "On The Outside" ist sogar politisch. Nicht plump, sondern auf sehr persönliche Art. Ist das eine Reaktion auf die Bombenattentate in London, darauf, dass der eigene Traum von einem Albtraum eingeholt werden könnte?

Walsh: "Ähm – ja, man ist von den Auswirkungen ständig umgeben, man kann das gar nicht ignorieren. Es betrifft uns alle, weil manche Freiheiten des täglichen Lebens plötzlich verschwinden. Es besteht kein Zweifel, dass ein Gutteil dieses Dilemmas an George W. Bush festzumachen ist. Aber man kann auch nicht sagen, dass islamische Fundamentalisten, die teilweise auf westlichen Universitäten studiert haben, an dem Schlamassel ganz unschuldig wären. Es ist schon verrückt: Ich meine, wenn jemand einen Grund hätte, sich an der westlichen Zivilisation rächen zu wollen, dann wohl die Menschen aus Afrika."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2005)

Von Karl Fluch

Starsailor: "On The Outside" (Vertrieb: EMI) Starsailor live: am 14. 12. im Wiener Gasometer

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    foto: emi/ kevin westenberg

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