"Die Augen noch blauer"

4. November 2005, 16:55
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Weil Angst der Ratgeber der Politwerber ist, meint Marco DeFelice, ist Wahlwerbung nur öde und fad

STANDARD: Sie stehen für Kampagnen wie "Weg mit dem Speck" oder "Servas die Wadln" - wäre es nicht erfrischend, in Wahlkämpfen anderes als klassische Waschmittelwerbung zu sehen?

DeFelice: Gerechtigkeit für Waschmittelwerbung: Sie ist erwachsen geworden und hat Politwerbung längst abgeschüttelt. Wenn jemand heute auf die Idee käme, für ein Jogurt oder eine Bank wie für eine Partei zu werben, würde das Produkt niemand ernst nehmen.

STANDARD: Umso spannender wäre doch der Versuch.

DeFelice: Wir machen das sicher nicht. Denn Wahlwerbung ist für Werber ein böser Spießrutenlauf: Entscheidungen fallen in ängstlichen Gremien. Darum bleibt man bei Antiquiertem und Langweiligem. Fairerweise: nicht nur in Österreich.

STANDARD: Aber ist das nicht auch sehr ehrlich?

DeFelice: Ginge es nur um optische Präsenz, müsste man dann zu den Gesichtern einfach "wählt mich" schreiben. Aber die Phrasendrescherei widerspricht jeder Logik: Die Leute sind ja nicht blöd - sie leben hier und wissen, wie es ist. Sie machen sich danach ihr Bild. Und die Phrasen sind nichtssagend und austauschbar - oder gehen daneben.

STANDARD: Wieso daneben?

DeFelice: Etwa weil der Herr Hahn weiß, dass er nie Bürgermeister werden wird. Die Wiener wollen jemanden, bei dessen Anblick sie die Schrammeln hören. Und der Strache sagt seinen Werbern sicher auch nur einen Satz: "Die Augen noch blauer." Etwas derartig Retuschiertes habe ich überhaupt noch nie gesehen. Sonst spielt er verzweifelt die tiefste Klaviatur. Da tun sich die anderen schwerer: Die Mitte kann man nicht bewerben. Die ist fad. Diese Art der Wahlwerbung ist überflüssig, reine Geldverschwendung.

STANDARD: Die Alternative?

DeFelice: Konfrontationen. Aber um das Phrasenrunterbeten zu verhindern, bedürfte es bissiger Frager. Doch sogar jetzt verrät das Gewinsel, mit wem man es zu tun hat. Nur: Spitzenkandidaten, die peinlich berührten Passanten Folder aufdrängen, die vom Volk aus Verlegenheit angenommen werden? Das würde niemand vermissen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2005)

Zur Person

Marco DeFelice ist Mitbegründer der Werbeagentur Dirnberger DeFelice.

Die Fragen stellte Thomas Rottenberg.

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    foto: d-df
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