In Österreich "keine Anfänger am Werk"

18. Oktober 2005, 21:43
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Michael Ringier hat zu spät auf Gratisblätter reagiert - Schweizer Verlagsriese verhandelte über Einstieg bei "Krone" und "Wiener", hat aber heute keine konkreten Pläne in Österreich

STANDARD: Ihr stärkstes Standbein in der Schweiz, das Boulevardblatt "Blick" wurde von einer Gratiszeitung überholt. Nun plant der norwegische Schibsted-Konzern mit einer kostenlosen Tageszeitung eine Offensive in ganz Deutschland. Auch in Österreich gab es Kontakte zu möglichen Partnern. Was raten Sie den Kollegen?

Ringier: Es gibt nur eines: sofort reagieren und dagegenhalten.

STANDARD: Haben Sie zu lange gezögert?

Ringier: Im Nachhinein gesehen ja. Am Anfang hat uns das wenig gekümmert, weil "20 Minuten" ein reines Projekt für Zürich war. Wir sind nationaler und nicht regionaler Anbieter. Heute bereuen wir das natürlich. Aber es ist nie zu spät. Und es gibt Städte wie Stockholm, wo ein später gestarteter zweiter Gratistitel zum ersten aufschließen konnte, ohne dass die Boulevardpresse dort wirklich darunter gelitten hätte. Auch dafür gibt es fertige Pläne.

STANDARD: Wann kommt Ihre Gratiszeitung für die Schweiz?

Ringier: Keine Ahnung. Wir versuchen es erst einmal in Prag, um Erfahrung zu sammeln. Wir haben großen Respekt vor Zürich. "20 Minuten" ist hervorragend gemacht und ein großer wirtschaftlicher Erfolg. Es wird sehr teuer, wenn wir da etwas machen. Wir müssen abwägen, wo wir investieren.

STANDARD: Haben Boulevardtitel noch Zukunft?

Ringier: Absolut. Die Leute wollen informiert werden, Zusammenhänge kennen lernen. Das kann eigentlich nur richtiger Journalismus. Gratiszeitungen erklären die Welt nicht. Die Menschen sehen so viel fern, erfahren übers Internet so viele Dinge, selbst über die Gratistitel, die sie im Grunde nicht verstehen. Da ist kurzer, klarer Boulevardjournalismus das ideale Mittel.

STANDARD: Boulevard wäre da nicht mein erster Lösungsansatz gewesen.

Ringier: Wir verstehen Boulevard so. Sex & Crime hat keine Zukunft. Es geht um richtigen Journalismus.

STANDARD: Sie haben in der "Presse" Interesse an Aktivitäten in Österreich bekundet. Sie haben schon Ende der Achtzigerjahre mit Hans Dichand über einen Einstieg bei der "Krone" verhandelt, auch mit Hans Schmid über den "Wiener", wie Sie mir sagten. Wie konkret ist das Interesse jetzt?

Ringier: Vom Grundsatz ist das ein interessanter Markt, vor dem ich aber großen Respekt habe: Hier sind keine Anfänger am Werk. Aber es gibt nichts Konkretes.

STANDARD: Wurde Ihnen eine Beteiligung an der Fellner-Tageszeitung angeboten?

Ringier: Nein. Ich kenne das Projekt nicht. Unsere Erfahrung ist: In Ländern in der Größenordnung von Österreich tut sich eine zweite Boulevardzeitung extrem schwer.

STANDARD: Zeitungsverlage reden derzeit viel über Nebengeschäfte wie Bucheditionen, CD- und DVD-Sammlungen.

Ringier: Wir haben schon CDs und DVDs und alles Mögliche verkauft. Das ist ein interessantes Geschäft, aber daran hängt nicht die Zukunft der Zeitung. Die hängt allein an der Zeitung selber. Sie muss Inhalte vermitteln, Journalismus verkaufen.

STANDARD: Apropos verkaufen: Sie planen eine von Sponsoren getragene, tägliche, kostenlose Nachmittagszeitung als Ableger ihres wöchentlichen Wirtschaftsblattes "Cash". Was für einige Aufregung sorgte.

Ringier: Sponsoren sind etwas ganz Normales. Es gibt sie im Fernsehen, es gibt sie bei Veranstaltungen wie den Österreichischen Medientagen. Trotzdem werden die Referenten hoffentlich ernst genommen. Es muss nur deutlich ausgewiesen werden. Ich habe nichts gegen Sponsoring, so lange es keine Schleichwerbung ist. Uns ging es bei dieser Präsentation darum, die Marktchancen abzuschätzen. Wir möchten ein verbindliches Interesse haben, damit wir überhaupt loslegen können.

Uns ist bewusst, "Cash" ist eine journalistische Marke. Wir werden das nicht aufs Spiel setzen. (DER STANDARD; Printausgabe, 12.10. 2005)

Zur Person

Miteigentümer und Verwaltungsratschef Michael Ringier (56) war Wirtschaftsjournalist, bevor er Ringier-Manager wurde. Der größte Schweizer Medienkonzern ist in Tschechien, der Slowakei, Serbien, Rumänien und Ungarn aktiv – etwa mit großen Boulevardblättern. Ringier gibt in Vietnam und China Zeitschriften heraus.

Das Gespräch führte Harald Fidler.

  • "Heute bereuen wir das", sagt Ringier: Sein "Blick" wurde ohne Gegenprojekt vom Gratisblatt "20 Minuten" überholt.

    "Heute bereuen wir das", sagt Ringier: Sein "Blick" wurde ohne Gegenprojekt vom Gratisblatt "20 Minuten" überholt.

  • Sucht Sponsoren für eine tägliche kostenlose Nachmittagszeitung: Ringiers "Cash".

    Sucht Sponsoren für eine tägliche kostenlose Nachmittagszeitung: Ringiers "Cash".

  • Artikelbild
    foto: der standard/hendrich
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