Intimität und Distanz

11. Oktober 2005, 17:51
1 Posting

Der Vorarlberger Autor Arno Geiger im STANDARD-Interview über Vergessen und Erinnerung und tanzende Trash-Prominente

Geiger hat mit "Es geht uns gut" einen der wichtigsten Romane dieses Herbstes geschrieben. Das Buch wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Der Autor im Gespräch mit Stefan Gmünder.

Wien – Arno Geiger gehört zu den stilleren und zurückhaltenderen Autoren im österreichischen Literaturbetrieb, doch seine Bücher haben es in sich. Seit er 1997 mit dem Roman Kleine Schule des Karussellfahrens debütierte, drehen sich seine atmosphärisch dichten Romane um das Schlechte an den guten Zeiten, das Unbehagen an der Behaglichkeit, die Suche nach Zusammenhang und Echtheit – und um die Liebe. Themen, die auch in seinem neuen Roman Es geht uns gut in der einen oder andern Form anklingen, aber nicht nur, denn in 21 Kapiteln, jedes einen einzigen Tag (angefangen 1938 bis in die Junitage des Jahres 2001) beschreibend, erzählt das Buch über drei Generationen hinweg eine Familiengeschichte und entwirft gleichsam nebenbei ein Panoptikum österreichischer Befindlichkeit und eine Geschichte der zweiten Republik. Der Roman wird nicht nur in Österreich als großer Wurf gefeiert, er befindet sich auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, der am kommenden Montag erstmals vergeben wird.

STANDARD: "Die Welt" schreibt, mit Ihrem Roman "Es geht uns gut" sei die österreichische Literatur nach 1945 "endlich erwachsen geworden", Ihr Roman hebe sich wohltuend vom "postpubertären Hass" anderer österreichischer Schriftsteller auf ihr Land ab.

Geiger: Hass, wenn er kein Korrektiv zur Seite hat, ist eine Form von Kitsch, wie auch jedes andere große Gefühl manipulativ ist, wenn der Abstand fehlt. Deshalb gibt es ja auch ein Gebot der ästhetischen Distanz, und deshalb bleibe ich als Erzähler in der Betrachterposition und versuche von dort aus der Sache meiner Figuren unvoreingenommen zu begegnen. Intime Distanz könnte man meine Schreibhaltung nennen, eine Position, die der Anteilnahme näher steht als der hitzigen Meinung. Über mein persönliches Temperament hinaus ist das Nachlassen des Grolls vermutlich aber auch eine Generationenfrage. Zeit ist vergangen, Dinge haben sich verändert.

STANDARD: Manche Dinge sind aber gleich geblieben, wenn man sich gewisse Wiener Wahlplakate – Stichwort: Herr im eigenen Haus bleiben – anschaut.

Geiger: Mit dem Unterschied, dass diejenigen, die auf dieses Recht pochen, nicht mehr Herr im Haus sind. Schauen Sie sich die letzten Wahlergebnisse an, die kommenden werden ähnlich sein. Das finstere Österreich gibt es nicht mehr als etwas Kollektives, es individualisiert und marginalisiert sich. Es ist noch da, aber in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft. Was früher bedrohlich war, ist auf dem besten Weg, bald nur mehr ärgerlich zu sein. Daran glaube ich, ohne dass deswegen meine Aufmerksamkeit nachlässt. STANDARD: Es geht im Buch auch darum, dass man (nicht nur) in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte, historisch dort anzuknüpfen, wo man vor dem Ersten Weltkrieg stehen geblieben war. ". . . und plötzlich war Hitler länger her als Franz Joseph" heißt es an einer Stelle.

Geiger: Der Schock nach 1945 muss vor allem im Bürgertum, das sich als besonders verführbar erwiesen hatte, furchtbar gewesen sein. Nachdem auch die Zwischenkriegszeit wenig Anlass bot, sich dorthin zurückzusehnen, lagen Rückgriffe auf die Epoche vor dem ersten Weltkrieg nahe. Auch im identifikatorischen Sinn. Nationalsozialismus bedeutete Schuld und Versagen, die erste Republik, der Bürgerkrieg und der Ständestaat bedeuteten Schuld und Versagen. Die Monarchie hingegen wurde als zugleich große und doch harmlose, weil unpolitische Epoche idyllisiert, und man versuchte an dieser Harmlosigkeit zu partizipieren und sich singend und tanzend aus der Verantwortung zu schwindeln. Es war wie eine Flucht in die Zeit vor dem Sündenfall. Das wirkt bis heute nach. Im Fernsehen tanzen sie schon wieder, unsere Trash-Prominenten.

STANDARD: Normalerweise sind die Leichen im Keller versteckt. Philipp, die Hauptfigur des Romans, die eine Hietzinger Villa erbt, watet in deren Dachboden knietief im Taubendreck.

Geiger: Oft dient der Dachboden als Gedächtnisspeicher, als Ausgangspunkt des Erinnerns, der Auseinandersetzung mit Vergangenheit. Aber ich wollte weniger einen Roman über das Erinnern als über das Vergessen schreiben, und so habe ich die am Dachboden gelagerte Familienmaterie mit Taubenkot zugedeckt. Der Roman erzählt ja im Grunde das, wovon der jüngste Spross der Familie nichts wissen will und was ihm verschlossen bliebe, selbst wenn er an einer Rekonstruktion interessiert wäre. Diese Dinge, die niemand wissen kann, all diese Alltagsdetails, die eigentlich längst verloren sind, werden nur kraft der Literatur nochmals zum Leben erweckt.

STANDARD: Man kann Ihren Roman als Familiengeschichte, als Beziehungsgeflecht dreier Paare, als Panoptikum der Zweiten Republik lesen, oder aber als die Geschichte eines Mittdreißigers, dem Ziel und Orientierung fehlen. Welcher Strang war Ihnen der wichtigste?

Geiger: Eines ist vom anderen nicht zu trennen, und natürlich war mir das Ganze, das mehr ist als die Summe seiner Teile, am wichtigsten. Philipps Orientierungslosigkeit bekommt Wucht im Kontrast zum Leben seiner Vorfahren, wie deren Leben und Sterben in ihrer Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit angesichts von Philipps mangelnder Anteilnahme erst richtig fassbar werden. Der Schrecken der drohenden Vernichtung wird in der so genannten Erinnerungsarbeit, die Familienromane normalerweise leisten, irreführenderweise eher gebannt als sichtbar gemacht.

STANDARD: Der Grundton in Ihrem Buch ist melancholisch, es geht um frühen Tod, Krankheit und Einsamkeit. Der Titel klingt sarkastisch, und doch schimmert Zuversicht und Heiterkeit durch. Es ist also doch ein schönes Leben?

Geiger: Es ist immer auch ein schönes Leben. Literatur ist dort am stärksten, wo sie das eine nicht gegen das andere ausspielt: Leiden und Glück. Der Titel ist ganz und gar nicht sarkastisch gemeint, er ist ein Zitat aus dem 1978-Kapitel, aus dem letzten Telefonat, das Peter mit Ingrid führt, ehe Ingrid bei einem Unfall ums Leben kommt. Die Ehe der beiden ist zu diesem Zeitpunkt miserabel, und das Gespräch verläuft einsilbig. Peter erkundigt sich bei seiner Frau, ob es zu Hause etwas Besonderes gebe. Sie antwortet ihm: "Nein, denke, es geht uns gut." – In dieser Antwort steckt für mich all die Unsicherheit und Ambivalenz, aber auch die Zuversicht, dass es auch wieder einmal besser werden muss – eine Hoffnung schon aus dem pragmatischen Grund, weil man die Familie nicht aufgeben will. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2005)

Zur Person

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Literaturwissenschaft. Ab 1986 war er Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen, seit 1993 lebt er als Schriftsteller in Wien.

Nach "Kleine Schule des Karussellfahrens" (1997), "Irrlichterloh" (1999) und "Schöne Freunde" (2002) ist "Es geht uns gut" sein viertes Buch. Am 13. Oktober um 20 Uhr liest Geiger im Kuppelsaal der Landesbibliothek Bregenz aus dem Roman.
  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Artikelbild
    foto: cover/ hanser verlag
Share if you care.