Erste Karriereschritte

12. Oktober 2005, 18:52
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Einer der Nicht-Medienmenschen hatte gefragt, wie Geschichten in Zeitungen kämen ...

Es war vor langer Zeit. Und um nur ja niemanden zu kompromittieren: Natürlich anderswo. Denn hier wäre derlei undenkbar. Einer der Nicht-Medienmenschen hatte gefragt, wie Geschichten in Zeitungen kämen. Manchmal sei ihm das nämlich nicht ganz klar.

Der Kollege von anderswo hatte seine ehrliche Phase. Auf deutsch: er war betrunken. Und erzählte, wie er einmal die Ehre erhalten habe, eine kleine Serie über die mindere Qualität einer bestimmten Straßenbahn zu schreiben. Prompt sei er kurze Zeit später vom Zeilensöldner zum angestellten Schreiberling befördert worden: Wer daheim zwei kleine Kinder anzuziehen und zu füttern habe, meinte er, würde ihm wohl in seinem Urteil beipflichten, dass es schändlichere Arten gäbe seine Familie zu ernähren.

Auftritt Ex-Chef

Der Kollege war in der Redaktion gesessen, als der Chef ins Zimmer gekommen sei. Im Schlepptau habe er den Ex-Chef gehabt. Und da der Kollege auf die Frage, wer gerade nicht überlastet sei, nicht eilends das Zimmer verlassen hatte, fand er sich plötzlich alleine mit den beiden hohen Herren im Zimmer. Und wurde eingeweiht.

Oder eingeschworen: Die neuen Straßenbahnen, bekam er von vielfach preisgekrönter Ebene erklärt, wären des Teufels. Weil sie schnell und lautlos führen: Kein Knirschen, kein Scheppern, kein Dröhnen. Es sei ein Glück, dass ein im Umgang mit den medial zu transportierenden Anliegen der einfachen Leute erfahrener Mensch wie der alte Chef dies zu spüren bekommen habe. Damit könne man nun Unheil verhindern..

Fußgängerzone

Der Alte, destillierte der Kollege aus dem Stereo-Stakkato der Rechercheergebnis-Anweisungen, war in einer Fußgängerzone beinahe von der Bim erwischt worden: Nicht mehr wirklich gut zu Fuß war er – ein bisserl schwerhörig – mit dem Handy am Ohr über die von einem Schienenstrang mitbenutzte Straße geschlendert. Und habe ein – natürlich wichtiges ­ Gespräch geführt. Die sich anpirschende Straßenbahn hatte er nicht gehört. Erst als ihn ein junger Mann ­ ein Ausländer ­ zur Seite gezogen haben, habe er, der Alte, die bedrohliche Straßenbahn gesehen.

Der Alte sei zu Tode erschrocken. Damit nicht genug: der Straßenbahnfahrer habe böse gegrinst. Und dann auch noch versucht, den Alten mit seinem Rückspiegel zu streifen. Wäre nicht der junge Ausländer gewesen ... und so weiter. Es sei also klar, was geschehen müsse: Aufklärung des Volkes. Eine Warnung vor den Tücken der Technik. Harte Fragen an die verantwortlichen Politiker. Konsequenzen. Und eine Entschuldigung beim Alt-Chef. Der junge Kollege möge sich ans Werk machen – und bei der Arbeit nie die Fakten aus den Augen verlieren.

Erklärungsstrudel

Am Anfang, erzählte der junge Kollege, habe er geglaubt, das könne nur ein Witz sein: Zwei Anrufe, ein Fünfzeiler – und Aus. Aber als er eine ganze Seite zu füllen bekam, mit dem Auftrag, in den nächsten Tagen eifrig nachzufassen, sei ihm schwindlig geworden. Erst recht, als er feststellte, dass die Straßenbahnmenschen nicht fragten, ob er noch alle Tassen im Schrank habe, sondern sich in einen Strudel von Erklärungen, Ankündigungen, Untersuchungen und Entschuldigungen hineintreiben ließen.

Und als er – irgendwer musste auf dem vielen Platz etwas sagen – sich an die lokale Opposition wandte, hatte die prompt an der teuflischen Bim eine Menge auszusetzen. Nach drei Tagen brach den Kollege beim Anblick einer Straßenbahn der kalte Schweiß aus: Die Dinger, war er nun sicher, waren wirklich rollende Todesfallen.

Aufstieg

Kurze Zeit später stieg er auf. Heute könne er deshalb getrost jungen Kollegen die Chance geben, sich einen Namen zu machen: Neulich sei der Alte-Chef wieder in das Redaktionszimmer gekommen. Im Schlepptau einen bekannten, ihm sehr verbundenen, Architekten. Es gehe darum, Schande abzuwenden, hatten die beiden getönt. Man müsse einen Bauskandal um einen Bahnhof aufdecken. Der würde demnächst – so ein Zufall – von einem Rivalen des bekannten Architekten gebaut.

Den Rest, sagte der Kollege, habe er nicht mehr gehört. Er habe sich plötzlich an einen wichtigen Termin erinnert. Aber mit der Geschichte habe ein bis dahin unbekannter Journalist seine Karriere begründet – und vielleicht hätte man von dem Bahnhof ja bis in unsere Stadt gelesen.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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