Flucht aus der Fremdbestimmtheit

28. März 2006, 11:28
posten

"Das Arrangement": Nathalie Borgers neuer Film über Zwangsehen in Wien

Wien - Zwangsheirat ist ein Furcht erregendes Szenario für viele Töchter traditioneller Einwandererfamilien. Diese Tatsache, die oft nicht wahrgenommen wird, behandelt Nathalie Borgers Film "Das Arrangement", der am Sonntag im Filmcasino anlief.

Eindrucksvoll wird das Schicksal dreier in Österreich geborener Türkinnen geschildert. Die Medizinstudentin Serpil möchte sich lieber selbst einen "Idioten" aussuchen, mit dem es dann nicht klappt, als dass sie das ihrem Vater überließe. Serap wurde als junges Mädchen in der Türkei zwangsverheiratet. Obwohl ihre Situation aussichtslos war, hat sie es mit viel Mut geschafft, sich loszureißen und eine eigene - gewollte - Familie zu gründen. Ihr aus Liebe gewählter Mann hat das gleiche Schicksal erlitten.

Anderer Meinung ist Gülümser, die ihren zugeteilten Mann akzeptiert und mit ihm glücklich ist.

Tradition ist für Türken in Österreich noch immer von hoher Bedeutung, wie der Film zeigt - sie gibt Sicherheit. Es ist ein Stück "Heimat", das importiert wird, denn Mädchen mit österreichischer Staatsbürgerschaft sind in abgelegenen türkischen Dörfern heiß begehrt und gelten als Flugticket nach Österreich.

Generationenkonflikt

Das Privileg, hier geboren zu werden, verliert sich so in dem Zwang, zu heiraten. Durch den Schulbesuch in Wien und den Kontakt zur offenen, modernen Gesellschaft stellen sich die Jugendlichen andere Lebenswege vor, als es das Elternhaus tut. Dadurch entsteht zwangsläufig ein Spannungsfeld zwischen der Loyalität zur Familie und der eigenen Meinung.

Die Mädchen, die sich gegen ihre Väter auflehnen, zahlen für ihre Freiheit oft einen hohen Preis, da sie von der Familie verachtet und verstoßen werden. Nur mit der Zeit finden manche Familien später wieder zusammen.

In einer an den Film anschließenden Podiumsdiskussion mit Integrationsstadträtin Sonja Wehsely, Julia Ortner vom Stadtmagazin Falter, Senol Akkili¸c vom Verein Wiener Jugendzentren, Sabine Strasser von der Uni Wien und Regisseurin Borgers, geleitet von STANDARD-Mitarbeiter Dominik Kamalzadeh, wird eingeworfen, dass nicht nur Mädchen zwangsverheiratet werden, sondern auch Burschen. Es komme vor, dass Kinder in der zweiten bis in die vierte Generation keine österreichische Staatsbürgerschaft bekämen, weil ihre Wurzeln im Ausland liegen, was wiederum als Druckmittel gegen junge Mädchen verwendet werde, um sie zur Heirat zu zwingen. Deshalb müsse man mit den Familien zusammenarbeiten, um Vorurteile abzubauen und sie besser zu integrieren.

Doch sei auch Österreich kein perfektes Vorbild. Nach wie vor sind Frauen und Männer nicht gleichberechtigt, verdienen Frauen fast um ein Drittel weniger. Und die Familienstrukturen seien keineswegs ausgewogen. (DER STANDARD, Printausgabe 11.10.2005)

Von Silke Krottendorfer (17) und Kristina Zboray (14)

Info:

"Das Arrangement": Im Oktober jeweils sonntags, 12.30 Uhr im Filmcasino. Mehr auf www.filmcasino.at

Share if you care.