Kommentar: Ein Systemfehler in der Schulpolitik

28. März 2006, 11:28
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Sich aufzulehnen will gelernt sein: Schüler werden zu "wiederkäuenden bien élevés"

Alfred Dorfer, einmal gefragt, was Glück für ihn bedeute, antwortete hierauf: Lernen. Neue oder andere Einsichten und Fertigkeiten zu erlangen, die es einem erlauben, sich zu bilden. Lernen ist Bewegung. Lernen ist die Bewegung, mit der sich der Mensch gegen die Ohnmacht richtet; der Mensch, der lernt, weigert sich, blind ausgeliefert zu sein. Die Bewegung des Lernens bringt Licht ins Dunkel der Dinge - der Mensch, der lernt, weiß, dass er Dinge verändern kann - das bedeutet Glück. So weit die Idee.

Bedenkt man nun, dass Frustration und Resignation im Schulalltag allgegenwärtig sind, kommt man nicht umhin festzustellen, dass es in unserem Schulsystem eine Krankheit geben muss, die verhindert, dass der frohe Botschaftsstoff des Lernendürfens sein Ziel erreicht. Irgendetwas geht bei der Übertragung schief, es muss also einen Systemfehler geben.

Unser Schulsystem hat es auf eine erschreckende Weise vollbracht, uns so zu erziehen, dass wir primär nicht mehr heilfroh sind, lernen zu dürfen, sondern viel eher fürchten müssen, bestraft zu werden (Ungenügend! Setzen!), wenn wir nicht im richtigen Umfang das Richtige gelernt haben. Nebenbei: Druck und Versagensangst sind keine motivationsstiftenden Faktoren. Wir werden nach dem Friss-oder-Stirb-Prinzip erzogen - wir sind bien élevé. Elever heißt erziehen, aber auch züchten. Wir werden täglich zu Schülern gezüchtet, zu unmündigen Wesen, die sich nur darauf verstehen müssen, sich in das System einzufügen und im richtigen Moment "Muh" zu rufen. In mehreren 50-Minuten-Blöcken täglich wird unsere Wiederkäurate der verabreichten Kost anhand verschiedener Gütesiegel bemessen. Einmal oder öfters Gütesiegel fünf bedeutet, das gesamte Jahresverköstigungsprogramm wiederholen zu müssen. Niemand hinterfragt, woran es lag, dass gewisse Inhaltsstoffe nicht aufgenommen werden konnten oder versucht sinnvolle Gegenmaßnahmen zu erstellen. Das ist Resignation und hat nichts mit dem Glück der Lernbewegung zu tun. Dem sturen Engagement einiger Lehrer und Schüler ist es zu danken, dass die ruhig vor sich hin käuende Masse ab und zu in nervöse Aufregung versetzt wird.

Ich lehne eine Schule ab, die Opportunismus und Wettbewerbsdenken lehrt und Schüler nach ihrem Muster heranzüchtet. Ich glaube an eine Schule, in der Lernen Glück bedeutet, ich glaube, dass es an uns Schülern liegt, uns gegen unsere gute Erziehung aufzulehnen - das zuallererst müssen wir lernen. (DER STANDARD, Printausgabe 11.10.2005)

Von Konstantin Teske: Der Autor (19) besucht das Borg Akademiestr. in Salzburg.
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