Unangenehme Fragen zur US-Umweltpolitik

28. März 2006, 11:28
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Schüler des Theresianums konfrontierten David Brown vom US- Außenministerium mit kritischen Umwelt-Fragen zur USA und dem Kioto-Protokoll

Wien - Mit ruhiger Geste trat ein bescheiden gekleideter Mann mit dichtem Backenbart, der an den kubanischen Diktator erinnerte, vor den vollen Festsaal der Theresianischen Akademie. Wer an diesem Morgen vor den aufmerksamen Oberstufenschülern seinen Vortrag hielt, war kein anderer als David Brown, leitender Direktor des Office of Environmental Policy im amerikanischen Außenministerium. Seit August bekleidet Brown, der zuvor als ökonomischer Berater in Ostasien und Afrika tätig war, dieses Amt. Offen gestand er, dass er als Neueinsteiger in die Umweltpolitik noch im Begriff ist, sich Wissen über seinen Aufgabenbereich anzueignen. Doch je mehr er sich mit der Materie beschäftige, stelle er erstaunt fest, wie sehr sich die USA weltweit für Umweltschutz engagierten. Eine Überraschung nicht nur für ihn, sondern auch für seine Zuhörer. Die Regierung unterstütze Projekte vom Schutz des afrikanischen Urwaldes oder mariner Ökosysteme über die Entwicklung von Wasserstoffautos bis zur Forschung über nukleare Fusion, mit der eines Tages die Atomenergie abgelöst werden soll. Es gebe einen deutlichen Trend zur umweltfreundlichen Wirtschaft: In einem Dollar des heimischen Wirtschaftswachstums stecke um 44 % weniger Energieverbrauch als im Jahr 1970. Brown unterstrich seine Worte mit der Feststellung, dass eine intakte Umwelt uns alle angehe: "We live all together in a house of one room."

Anschließend stellte sich der Umweltbeamte den herausfordernden Fragen des jungen Publikums, das eine Stellungnahme zum nicht ratifizierten Kioto-Protokoll sowie zu den steuerfreien amerikanischen Treibstoffpreisen - die fast nur ein Viertel der europäischen ausmachen - und zur umweltpolitisch ambivalenten Ölförderung in Alaska forderte. Bevor sich Brown der, wie er zugab, "excellent questions" annahm, beteuerte er, dass er die Linie der Regierung wiedergeben müsse. Zum Thema Kioto verwies Brown auf China, eine Industriemacht, die riesige Emissionswerte erziele und sich ebenfalls nicht dem Abkommen angeschlossen habe. Müsse sich Amerika an das Protokoll halten, wäre das eine entscheidende Benachteiligung im marktwirtschaftlichen Wettbewerb. Was die verbraucherfreundlichen Treibstoffpreise betrifft, antwortete er schlicht, dass in den USA große Strecken zu überwinden seien und der Präsident die Pendler nicht mit Steuern belasten wolle. "Aber warum forciert man nicht die ökologisch nachhaltigere Variante eines öffentliches Verkehrsnetzes?", wollten die Schüler wissen. Das sei durch die geringe Bevölkerungsdichte ökonomisch nicht rentabel, so Brown.

Obwohl es den Anschein hatte, der atlantische Graben sei ein bisschen kleiner geworden, hinterließ der amerikanische Gesandte dennoch eine skeptische Stimmung. Ökologie oder Ökonomie? Mr Brown blieb ambivalent. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2005)

Von Laurence Doering: Der Autor (17) besucht die 8. Klasse des Theresianums.
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