Tod in Schubhaft: Zelle in Linz überhitzt

3. November 2005, 14:48
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Polizei dementiert - Innenministerium bestätigt erstmals, dass Zweifel an der Hafttauglichkeit bestanden

Linz/Wien - Nach dem Tod des 18-jährigen Schubhäftlings Yankuba C. - der junge Mann aus Gambia starb am 4. Oktober in einer Sicherungszelle im Linzer Polizei-Anhaltezentrum - steigt jetzt der Druck auf die Polizei. Die Plattform Zivilcourage - ein Zusammenschluss mehrerer Vereine - erhebt massive Vorwürfe.

Es gebe Hinweise darauf, so Plattformsprecherin Gülcan Gigl, dass zwei der vier Sicherungszellen mit einem speziellen Heizsystem ausgestattet seien, um eine Raumtemperatur von bis zu 45 Grad Celsius zu erreichen.

Bestätigt werden diese Angaben auch von einem Linzer Arzt, der ungenannt bleiben möchte. Der Mediziner - ein ausgebildeter Notarzt - wurde vor zwei Jahren wegen gefährlicher Drohung verhaftet. Als die Beamten die Türe der Sicherungszelle geöffnet hätten, sei unmittelbar dahinter ein "bewusstloser Schwarzafrikaner" gelegen, behauptet der Arzt im Standard-Gespräch. "Den haben sie dann herausgezerrt und mich in die völlig überhitzte Zelle gesperrt. Es war so heiß, dass ich mich nackt ausziehen musste und mir aufgrund einer fehlenden Wasserleitung permanent das Wasser aus dem Klo zur Abkühlung über den Kopf goss. Ich hatte Angst um mein Leben", schildert der Mediziner.

Der Arzt brachte seine Erfahrungen zur Anzeige, aus Mangel an Beweisen wurde das Verfahren aber eingestellt. Das Gericht stützte sich damals auf ein dem Standard vorliegendes Gutachten über das Heizsystem der Zelle. "45 Grad in einer Zelle wurden als normal empfunden", kritisiert der Mediziner.

Deutlich seien jetzt die Parallelen zum Tod des Schubhäftlings: "Der Mann war durch den Hungerstreik völlig entkräftet, da kann sich ein Hitzeschock fatal auswirken", so der Arzt. Er habe seinen Verdacht bereits beim Innenministerium gemeldet. "Freitagfrüh waren Beamte für eine Einvernahme bei mir", so der Arzt.

Die Linzer Polizei dementiert die Vorwürfe vehement: "Das sind doch alles völlig haltlose Unterstellungen. Gefoltert wird vielleicht in Gambia, sicher nicht in Linz", wehrt sich Erwin Fuchs von der Präsidialabteilung der Bundespolizei Linz.

Fußbodenheizung

"Natürlich haben wir aus Sicherheitsgründen eine Fußbodenheizung in den Zellen. Aber nur zum Heizen - wir wollen ja nicht, dass sich wer verkühlt", erklärt Fuchs.

Auch im Innenausschuss des Nationalrats kamen am Dienstag neue Details zutage. Erich Buxbaum, Generaldirektor für Öffentliche Sicherheit, berichtete, dass der Amtsarzt bereits "Austrocknungen" bei Yankuba C. festgestellt und Zweifel an der Hafttauglichkeit des jungen Mannes geäußert habe. Dennoch habe die Anstaltsleitung später beschlossen, den Mann in eine Isolierzelle zu stecken, berichtete Grün-Abgeordneter Peter Pilz empört. Eine Standard-Anfrage im Büro für Interne Angelegenheiten (BIA), ob es dazu Untersuchungen gebe, blieb bis Redaktionsschluss ohne Antwort.

Pilz: "Wäre der Mann in eine ganz normale Zelle gekommen, hätte der Nachbar sofort feststellen können, dass da etwas nicht stimmt. Möglicherweise war also die Isolierzelle sein Todesurteil." Außerdem ist der Politiker überzeugt, dass die Unterbringung in der Isolierzelle "illegal" war. Buxbaum hingegen habe die Praxis verteidigt. Pilz findet das "skandalös" - und erregt sich auch über die Vorgangsweise der Innenministerin: "Liese Prokop hat im Innenausschuss aus dem Vorstrafenregister des Verstorbenen zitiert." Damit versuche man noch im Nachhinein, den Mann herabzuwürdigen.

Am Montag traf der Bruder des Toten in Linz ein. Lamin C. flüchtete 1992 nach Deutschland, sein Asylantrag wurde anerkannt, er lebt heute mit Frau und Kindern in Hamburg. Lamin C. fordert zumindest eine Entschuldigung der Republik Österreich. (Markus Rohrhofer/Eva Linsinger, DER STANDARD - Printausgabe, 12. Oktober 2005)

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