Vorbeifahrende Straßenbahnen

11. Oktober 2005, 19:03
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Jetzt säße sie schon eine Dreiviertelstunde an der 49er-Haltestelle fest, fluchte H. mir ins Telefon. Langsam werde ihr kalt. Und sie werde sauer...

Es war heute Vormittag. Da hat H. versucht, sich die Zeit zu vertreiben. Schließlich, tobte sie, habe sie gerade weit mehr davon, als sie brauche. Und deshalb, ärgerte sich H. ins Telefon, habe sie zunächst bei den Wiener Linien angerufen – und klage nun mir ihr Leid. In der Zwischenzeit fahre der siebente oder achte 49er an ihr vorbei, ­aber sie könne nicht mit.

Es ist nämlich so, dass H. im Rollstuhl sitzt. In einem dieser schweren Dinger, die mit Batterien angetrieben werden. Und wer je versucht hat, einen „normalen“ Rolli in eine normale Bim zu hieven, der weiß, dass man bei den Elektrorollstühlen besser nicht einmal im Traum an so etwas denkt. Deshalb, erklärt H. auch jedem, der es nicht von selbst versteht, ist es für sie mehr als eine nette Geste, wenn die Wiener Linien verkünden, wieder eine Straßenbahnlinie auf Niederflurgarnituren umgestellt zu haben.

Kein Undank

H. wolle, sagt sie, da auch nicht undankbar sein: Dass es nicht möglich ist, im Handstreich alle Wagen einer Linie zu ersetzen, verstehe sie. Wenn da nur jeder zweite – bei manchen, dicht geführten Linien auch jeder dritte – Zug rollikompatibel sei, wäre das schon super. Aber jetzt, fluchte sie mir um halb zehn Uhr Vormittags ins Telefon, säße sie schon eine Dreiviertelstunde an der 49er-Haltestelle fest. Langsam werde ihr kalt. Und sie werde sauer.

Acht Züge, sagte H., habe sie vorbeifahren gelassen. Und ein einziger sei davon niederflurig gewesen. Aber leider, habe der Fahrer voller Anteilnahme bedauert, sei just bei dem die Rampe kaputt gewesen, über die Rollstühle in den Zug gelangen können. Wobei, sagt H., ihr der Fahrer erklärt habe, dass diese Rampe bei fast allen neuen ULF-Bims, die die Wiener Linien vor kurzem in Betrieb genommen hätten, nicht funktioniere. Das habe sie ohnehin schon vermutet, erklärte mir H. Aber weil das für Menschen mit einem geringeren Handicap als ihrem immer noch besser sei, als die alten Stufenbims, sagt H., habe sie daraus bisher kein großes Aufheben gemacht.

ULF-Ausdünnung

Jetzt aber reiche es ihr: Denn in Wahrheit, ereiferte sich H., hätten die Wiener Linien zuletzt mitnichten so viele Straßenbahngarnituren geliefert bekommen, dass sie tatsächlich ganze Linien auf ULF-Betrieb umstellen hätten können. Man habe, behauptet H. jedenfalls, stattdessen aus eigentlich schon be-ulften Linien moderne Garnituren abgezogen. Und beschicke nun eben ein paar Linien mehr mit ULFs. Das verringere aber auf den anderen Linien die Dichte der rollikompatiblen Fahrzeuge.

So etwas sei, schnaubte H. – während der neunte 49er hörbar vorbei fuhr – typisch für gutgemeintes Behindertenversorgungsdenken durch Nichtbehinderte: Ihr sei es allemal lieber, zu wissen, wo sie zumindest in jede zweite Straßenbahn einsteigen könne, und wo sie auf keinen Fall mitfahren könne, als frohen Mutes zu einer Station zu fahren ­und dort 45 Minuten lang zu verzweifeln: In dieser Zeit, ärgerte sich H., wäre sie auf Alternativrouten – etwa mit Bussen – schon längst an ihrem Ziel angekommen.

Unsensibel

Bevor sie mich angerufen hat, hat H. – sagt sie jedenfalls – auch bei den Wiener Linien angerufen. Dort habe ein Mitarbeiter denkbar wenig Sensibilität gezeigt – und sie gefragt, wieso sie sich eigentlich so auf einen ULF versteife. Die Frage, was er denn wohl an ihrer Stelle tun würde, sagte H., habe er geflissentlich überhört.

Zum Schluss kam dann die Politikerin in H. durch (sie ist schließlich Behindertensprecherin einer Partei). Und sie begann Wahl zu kämpfen: Das ULF-Selbstlob der Stadt, meinte sie, sei zynisch. Ein zynischer Wahlkampfgag auf ihre, also aller Rollstuhlfahrer, Kosten. Mir wäre es lieber gewesen, sagte ich H., wenn sie auf diesen Seitenhieb verzichtet hätte. Weil das ihre Kritik nun in ein recht angreifbares Eck schöbe. H. verstand mich zwar – stellte aber dann eine Gegenfrage: ob ich denn glaube, dass es einen Unterschied mache, ob man sich politisch oder unpolitisch darüber ärgere, auf der Straße stehen gelassen zu werden.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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