Zum Jubel der Burg: Nitsch ante portas!

11. Oktober 2005, 12:39
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Hermann Nitsch im Glück: Frisch geschmückt mit dem Großen Österreichischen Staatspreis erfüllt sich am 19. November einer seiner Jugendträume

Das Burgtheater wird Schauplatz seiner 122. Aktion des Orgien Mysterien Theaters.


Wien - Hermann Nitsch ist ein Denkmal. Wenn auch nur sein eigenes. Doch die Erinnerung an ihn ist wichtig genug. Nicht nur wegen dieser Sache im Burgtheater, die für den 19. November geplant ist.

Überdies scheint der Skulpteur, der dieses Denkmal gestaltet hat, äußerst sensibel zu sein. Allein, um die feinen Wellen in die Krempe seines Hutes einzuarbeiten, braucht es die unablässige Arbeit von Jahrzehnten.

Nicht viel weniger Zeit dürfte es gebraucht haben, um die randlose Brille vor seinen stets zum gläubigen Staunen bereiten Augen mit seinem Antlitz zu jener materiellen Symbiose zu bringen, dass man annehmen könnte, er sei mit dieser schon zur Welt gekommen und sei sie mit ihm mit- und in ihn hineingewachsen.

Auch der Bart wäre zu rühmen und die vierschrötige Statur. So ein Monolith hält alles aus. Anfeindungen, Freundschaften, sogar Ehen und jetzt auch noch den Großen Österreichischen Staatspreis. Es gibt freilich Nitschbetrachter, die das alles weniger goutieren. Wie neulich ein Berichterstatter der Zeit. Heike Curtze, seine Galeristin, hatte diese Nitschbesichtigung vermittelt. Zum Leidwesen des Denkmals.

Nitsch: "Der hat sich die ganze Zeit darüber aufgeregt, wie ich ausschau. Hat mir gesagt, dass mein Hemd spannt und dass ich keinen Hals hab. - Das weiß ich ja selber. Ich wollt das Gespräch schon abbrechen. Doch dann haben wir doch weitergeredet. Leider."

Dass er in der Hitze des Wortgefechtes dann auch noch den STANDARD, wie in der Zeit dann zu lesen war - "off records" freilich, - ein "Scheißblatt" geschimpft hat, tut ihm jetzt natürlich Leid.

Ein Denkmal mit Gefühlen also. Das ist an sich ungewöhnlich. Doch nicht im Fall von Hermann Nitsch. Denn der Künstler, der an diesem Denkmal seit ganzen 67 Jahren schon arbeitet, ist das Leben. Es arbeitet auch in ihm, und er arbeitet für dieses. Denn nichts anderes als das Leben war das Thema seiner Kunst von Anfang an und ist es auch noch immer.

Katharsis! Und so sagt er das, was er in der in seinen Texten zu seinem Orgien Mysterien Theater schon vor Jahrzehnten niederschrieb, auch heute noch:

Nitsch: "Ich wollte mit meinen Aktionen nie schockieren. Ich habe größten Respekt vor dem Leben und vor jeder Kreatur. Mein zentrales Thema aber war und ist die Katharsis durch das Orgien Mysterien Theater. In dessen Vorgängen soll der Mensch mit allen seinen Sinnen erfasst werden. Alles Aufgestaute soll durch den orgiastischen Rausch, der die Anwesenden erfassen soll, gelöst werden. Der Mensch soll abtauchen in die Tiefen des Seins."

Alles schön und gut, könnte man darauf erwidern, aber ist das Burgtheater ein Ort für orgiastische Räusche?

Nitsch hat damit kein Problem. Schon in seiner Jugend prophezeite er, "irgendwann komm ich noch ins Burgtheater". Auch wenn die Fantasien über eine Besetzung des Burgtheaters damals noch ganz anderer Gestalt waren.

Nitsch: "Wir sind ja oft beisammengesessen. Der Schwarzkogler, der Brus und ich, und haben uns das ausgemalt. Der Schwarzkogler wollt das Burgtheater bis oben mit Torf anfüllen. Und ich hab mir oft vorgestellt, dass ich im Burgtheater einen ganzen Haufen von Schweindeln auslass und drinnen umanandrennen lass."

Um allfällige Befürchtungen zu zerstreuen: An besagtem 19. November, braucht keine(r) der p. t. Besucherinnen und Besucher des Burgtheaters einen Insult durch frei vazierendes Borstenvieh zu befürchten. Das wäre dem Chef des jubelnden Musentempels möglicherweise doch etwas zu viel.

Dass Klaus Bachler an Hermann Nitsch geriet, ist eigentlich ein Zufall. Eine mit Nitsch befreundete Ärztin hat ihn eines schönen Tages in Prinzendorf angeschleppt. Man kam ins Gespräch.

Ob er vielleicht Lust hätte, ähnlich wie für Jules Massenets Herodiade in der Staatsoper die Ausstattung für eine Burgpremiere zu übernehmen? Das hat Hermann Nitsch spontan abgelehnt. Wenn er ins Burgtheater einzieht, dann nur mit einer Aktion. Nach einer längeren Nachdenkpause hat Bachler schließlich eingewilligt.

Und so wird Nitsch ab 15 Uhr des magischen Termins mit 122 Mitwirkenden, darunter auch der "Jungen Philharmonie" unter Andrea Cosumano (an der Musik komponiert er noch) und einem namentlich nicht genannten toten Stier im Burgtheater Einzug halten und unter Einbeziehung aller Räumlichkeiten seine 122. Aktion abhalten.

Nitsch: "Natürlich hab ich auch Angst davor. Ich hab vor jeder Aktion Angst. Und sie strengt mich ungeheuer an. Aber das alles wird aufgewogen durch das Glück, das man empfindet, wenn das Spiel seinen geordneten Lauf nimmt und zur Katharsis führt."

Im Fall des Burgtheaters wird diese Freude überdies noch durch jenes gar nicht so geringe Maß an Eitelkeit verstärkt, von dem er sich ganz und gar nicht frei weiß.

Ein Grund, warum er sich auch über den Staatspreis freut, weil er dann auch mit Gerhard Rühm und Günther Brus im Kunstsenat sitzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2005)

Von Peter Vujica
  • Hermann Nitsch: "In meiner Jugend wollten wir das Burgtheater besetzen. Rudolf Schwarzkogler wollte es mit Torf füllen, und ich wollt drinnen Schweindeln auslassen."
    foto: standard/christian fischer

    Hermann Nitsch: "In meiner Jugend wollten wir das Burgtheater besetzen. Rudolf Schwarzkogler wollte es mit Torf füllen, und ich wollt drinnen Schweindeln auslassen."

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