Die Welt versteht uns nicht

23. Dezember 2005, 15:21
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Das ist nichts Neues. Erst dieser Tage hat sie, die Welt, soweit sie vom britischen "Guardian" und vom "Wall Street Journal" zusammengehalten wird ...

Die Welt versteht uns nicht. Das ist nichts Neues. Erst dieser Tage hat sie, die Welt, soweit sie vom britischen "Guardian" und vom "Wall Street Journal" zusammengehalten wird, wieder einmal einen Beweis ihres totalen Unverständnisses österreichischen Wesens geliefert. Vor allem das "Journal" ist hiesigen Beobachtern unangenehm aufgefallen, weil dort der europäische Chefkommentator Matthew Kaminski der hiesigen Lederhosen-Lobby unreifen Umgang mit Relikten des Nationalsozialismus vorgeworfen hat. Mehr hat er nicht gebraucht.

Statt die Reaktionen übersensibler Ausländer als das zu ignorieren, was sie sind, nämlich die leichte Aufbauschung eines österreichischen Substrats, dessen bisherige Unausrottbarkeit erst heuer von Kampl und Volksgenossen nachgewiesen wurde, setzte die in solchen Fragen nicht weniger sensible "Kronen Zeitung" ihr schärfstes Geschütz gegen den journalistischen Wallstreet-Plutokraten ein - Dr. Helmut Zilk. Sein offener Brief an Herrn Kaminski ist Samstag in der "Krone" erschienen, und wenn der Adressat nach dieser Abrechnung bis heute noch immer nicht gefeuert sein sollte, müsste man an der Durchsetzungskraft des Ombudsmannes zu zweifeln beginnen.

Unfassbar, da fehlen einem die Worte! eröffnete Zilk sein Schreiben, zügelte indes seine Empörung durch den Einschub des Klammerausdrucks (fast) gerade noch soweit, dass sie sich nicht zu einer Schreibhemmung auswachsen konnte. Ein Hassartikel gegen Österreich und seine Bürger wäre Kaminskis Werk, der auch Ihres Mediums unwürdig ist. Dass Helmut Zilk neben so vielem anderen auch Spezialist für die Würde des "Wall Street Journals" ist, war hierorts bisher unbekannt. Da werden Rassismus, angeblich nicht überwundener Nationalsozialismus, europäischer Christen-Klub und Provinzialität als Merkmale aufgeboten, und man fragt sich, welchem Geist Derartiges entspringt.

Derartiges ist nämlich österreichischem Geist völlig fremd, und wer es, etwa auf den Wahlplakaten der Strache-Gang, die derzeit Wien schmücken, dennoch zu erkennen glaubt, dem hält Zilk entgegen: Österreich braucht keine moralischen Zensuren. Schließlich gibt es überzeugende Beweise von Humanität, die hervorgehoben sein wollen, weil nicht selbstverständlich: In Österreich werden keine Tempel und Moscheen angezündet, wie etwa in Deutschland, Frankreich oder sogar in Schweden, gelegentliche Gräberschändungen soll man nicht überbewerten. Hier wurde mehr Geschichte aufgearbeitet als anderswo: Derzeit läuft die größte Entschädigungswelle für Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime, und die sechzigjährige Verspätung garantiert, dass nur wenige Zwangsarbeiter von damals heute unter dieser Welle begraben werden.

Aber Ehrlichkeit und Offenheit ist scheinbar heutzutage für nur ganz wenige ein Prinzip. Und wo sind diese wenigen? Genau. Wir - der Majestätsplural der "Kronen Zeitung" - brauchen uns von niemandem einen europafeindlichen Populismus unterstellen lassen. Wir brauchen auch keine Nachhilfe vom "Wall Street Journal" für das, was die Bürger in Österreich denken. Nur da keine Konkurrenz!

Doch die schläft nicht. Ebenfalls am Samstag versuchte sich Chefredakteur Michael Fleischhacker unter dem Titel Die Welt versteht uns nicht an dem Kunststück, den Geist der "Krone" in die Flasche der "Presse" zu zwingen, ohne dass es auffällt. Obwohl kaum Bereitschaft zu spüren war, sich über Kaminski zu empören, elaborierte er über Österreich-Bild und die allseitige Bereitschaft zu Empörungen jeder Art. Die Empörung anderer ist dabei nötig, um sich selber als deren philosophischer Dämpfer in Szene setzen zu können. Schließlich gehört man zu den denkenden Gemütern.

Nicht ohne Empörung, en passant. Kollege Kaminski habe nichts ausgelassen, was jedem kosmopolitischen Durchschnittstrottel einfällt, wenn er beiläufig über Österreich nachdenkt, und "Die Zeit" braucht sich nicht einbilden, mehr zu sein als eine noble Hamburger Wochenschrift für intellektuell Wellnessbedürftige und ideologisch Indifferente. Das nur um klarzustellen, was "Die Presse" unter Fleischhacker keinesfalls sein will. Wäre aber nicht nötig gewesen.

Das Schöne an solchen Empörungen ist andererseits ihr künstlerischer Charakter, drang Fleischhacker zu deren wirklichem Wesen vor. Sie sind eine Frucht des Überflusses, dienen ausschließlich der Erbauung ihrer Erzeuger und Betrachter, verfolgen keinerlei außerhalb des Erzeugten liegenden Zweck, weshalb man sich fragt, weshalb Fleischhacker diesem Schmarren einen ganzen Leitartikel widmet. Vielleicht will er sich damit nur bei der eigenen Nase nehmen: Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass die Leitartikler von "Presse", "FAZ" oder "SZ" über das "wirkliche" Wesen der Gesellschaften, über die sie schreiben, mehr wissen als der "Wall Street Journal"-Leitartikler über Österreich oder Deutschland.

Zumindest was "Die Presse" betrifft, muss er es wissen. Er schreibt sie ja selber. (DER STANDARD; Printausgabe, 11.10.2005)

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