"Wir sind zweimal in den Kreisverkehr eingefahren"

14. Oktober 2005, 13:44
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Grünen-Chef Alexander Van der Bellen appelliert im STANDARD-Interview an rot-grüne Wechselwähler, nicht Häupl zu wählen

Nach zwei mageren Bundesländerergebnissen appelliert Grünen-Chef Alexander Van der Bellen an die Wechselwähler, in Wien Grün zu wählen. Bei der Nationalratswahl wird er auf einem Wiener Kampfmandat antreten. Mit Van der Bellen sprach Michael Völker.

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STANDARD: Warum können die Grünen keine Wahlen mehr gewinnen?

Van der Bellen: Jetzt mal halblang. Wir haben sechs Jahre lang jede Wahl gewonnen. Einmal mehr, einmal weniger. Jetzt sind wir zweimal in den Kreisverkehr eingefahren. Das ist kein Grund zur Panik. Aber es zeigt, dass es kein Naturgesetz gibt, dass Grüne immer dazugewinnen müssen.

STANDARD: Hat diese Stagnation der Grünen landesspezifische Ursachen oder zeichnet sich da ein Bundestrend ab?

Van der Bellen: Natürlich ist jede Landtagswahl zunächst einmal eine Landtagswahl. Man muss nüchtern sagen, wenn man sich das steirische Ergebnis anschaut, würden wir bei Nationalratswahlen leicht verlieren, wenn man das burgenländische Wahlergebnis hochrechnet, würden wir mit diesem Trend leicht gewinnen. So gesehen ist es ein zweideutiges Ergebnis, aber es zeigt, dass wir auch auf Bundesebene einen Zahn zulegen werden müssen.

STANDARD: Die Grünen sind in beiden Bundesländern Vierte geblieben. In Wien kämpfen sie um den zweiten Platz. Der Trend spricht gegen dieses Ergebnis.

Van der Bellen: Es ist doch ein deutliches Stärkezeichen der Grünen, dass sie in Wien überhaupt mit der Kanzlerpartei, der ÖVP, um den zweiten Platz rittern. Ein Appell an die rot-grünen Wechselwähler ist, sich das gut zu überlegen. Für die SPÖ steht nichts am Spiel, sie wird die Absolute behalten, der nächste Bürgermeister heißt Häupl. Aber der zweite Platz ist spannend. Da erwarte ich mir schon eine Unterstützung von den Sympathisanten, die zwischen Rot und Grün schwanken.

STANDARD: Die Grünen sind die Umfragen-Kaiser, kommen bei den Wahlen aber selten an das vorhergesagte Ergebnis heran.

Van der Bellen: Die Umfragen im Burgenland und in der Steiermark waren eigentlich ziemlich korrekt. Nur sind die Wähler so in Bewegung, auch kurz vor der Wahl, dass die Umfragen teilweise nicht nachkommen. Es ist sicher richtig, dass wir einen großen Teil von Leuten haben, die für uns eine hohe Sympathie haben, die aber in letzter Sekunde aus taktischen Erwägungen, zum Beispiel bei der Wiener Wahl, dann wieder SPÖ wählen. An diese Leute richte ich auch meinen Appell. Überlegt euch das bitte noch einmal, was steht für uns auf dem Spiel, was steht insgesamt auf dem Spiel, was ist jetzt das strategische Signal für die Bundesebene. Es wäre ein Signal an Gehrer und Grasser, dass wir möglichst nahe an die ÖVP herankommen oder sie gar überholen. Das wäre ja in Wahrheit ein sensationelles Ergebnis.

STANDARD: Wo werden Sie bei der nächsten Nationalratswahl kandidieren?

Van der Bellen: Ich habe meinen Wiener Freunden vorgeschlagen, etwas Neues zu machen. Das letzte Mal habe ich am vierten Platz der Landesliste kandidiert, das war das Kampfmandat. Dieses Mal schlage ich vor, dass ich auf ein so genanntes Direktmandat gehe. Das heißt Wien- Nordwest, das ist der 16. bis 19. Bezirk. Wenn wir das schaffen, wäre es das erste Mal, dass die Grünen ein Direktmandat über einen Regionalwahlkreis machen.

STANDARD: Für ein solches Grundmandat brauchen Sie im Wahlkreis wenigstens 25.000 Stimmen.

Van der Bellen: Es ist ein ehrgeiziges Ziel, ich weiß. Wir müssten in diesem Wahlkreis auch deutlich zulegen. Standard: Werden Sie auch auf der Landesliste aufscheinen?

Van der Bellen: Eva Glawischnig wird wieder auf dem ersten Platz der Landesliste kandidieren. Ich kann mir vorstellen, dass ich eine so genannte Solidaritätskandidatur mache, das heißt ganz weit hinten, von mir aus auf dem letzten Platz.

STANDARD: Was passiert, wenn Sie dieses Direktmandat nicht schaffen?

Van der Bellen: Ich werde außerdem auf der Bundesliste auf der Reststimmenliste kandidieren.

STANDARD: Was sagen die Wiener Parteifreunde dazu?

Van der Bellen: Die Spitzen der Wiener Grünen halten meinen Vorschlag für sehr gut. Sie wollen mich auf der Liste.

STANDARD: Irritationen gibt es da keine?

Van der Bellen: Die gibt es nicht, ich bin sehr zuversichtlich, dass Maria Vassilakou auch die entsprechende Zustimmung in Wien bekommt. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2005)

  • Van der Bellen: "Kein Naturgesetz, dass Grüne immer dazugewinnen müssen."
    foto: standard/cremer

    Van der Bellen: "Kein Naturgesetz, dass Grüne immer dazugewinnen müssen."

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