Schlagzeilen brauchen Wucht

18. Oktober 2005, 21:41
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Unter Chefredakteur Kai Diekmann wurde "Bild" gläubiger denn je - Ein STANDARD-Interview über Gottvertrauen und Verlogenheit, Kanzlerinnen und Auflagenschwund

Unter Kai Diekmann wurde "Bild" gläubiger denn je. Der Herausgeber und Chefredakteur des Brachialblattes kündete dem STANDARD von Gottvertrauen und Verlogenheit, von Kanzlerinnen und warum ihm Auflagenschwund wurst ist.

Kai Diekmann autorisierte zunächst eine Langfassung. Für diese Kurzfassung bestand er darauf, die ausgewählten Fragen und Antworten ohne Kürzungen wiederzugeben. Daher holpert sie ein wenig.

***

STANDARD: Wann kommt "Wir sind Kanzlerin"?

Diekmann: Nie - weil es nicht passt. "Wir sind Papst" brachte die nationale Euphorie der Deutschen nach der Papstwahl auf den Punkt. Das ist mit dem Ausgang der Bundestagswahl nicht zu vergleichen.

STANDARD: Das eine oder andere Wunder um den sterbenden Papst hat "Bild" ganz exklusiv berichtet, um das positiv zu formulieren.

Diekmann: Das öffentliche Sterben hat die Menschen sehr berührt. Hier zeigte jemand in schwersten Stunden Demut, Würde, Gottvertrauen. Für viele war das altmodischer Kram. Plötzlich begriffen die Menschen, was es heißt, das Leben anzunehmen. Solche Themen sind in den vergangenen fünf Jahren für Bild wichtiger geworden.

STANDARD: Warum das?

Diekmann: Die Menschen suchen Orientierung. Sie merken, dass der Individualismus des "Anything goes" oftmals keine Antworten bietet, weder spirituell noch im täglichen Leben. Sie suchen daher verlässliche, überpersönliche Werte. Die Bibel vermittelt solche Werte. Deshalb ist unsere Berichterstattung so erfolgreich.

STANDARD: Nicht, wenn man sich die Auflagen von Bild anschaut: 600.000 verkaufte Exemplare weniger klingt nicht nach Erfolg.

Diekmann: Wer meint, dass die IVW-Auflage (vergleichbar der Österreichischen Auflagenkontrolle) etwas über publizistischen Erfolg aussagt, hält die Erde auch für 'ne Wurstscheibe.

STANDARD: In der "FAZ" war sie letztens in dem Zusammenhang noch ein Wurstbrot.

Diekmann: Wurstscheibe, Wurstbrot. Von mir aus auch Wiener Schnitzel. Im Ernst: Viele deutsche Titel subventionieren ihren Verkauf mit absurd wertigen Prämien und supergünstigen Abos. Oder sie pushen die Auflage mit Freiverteilung oder Sonderverkäufen. So kann ich jede Auflage erzielen. Wenn ich in jede Bild einen Euro klebe, habe ich am nächsten Tag eine Auflage von 100 Millionen. Das tu ich aber nicht. Und ich verramsche "Bild" auch nicht an Fluglinien oder Hotels. Ein Nachrichtenmagazin aus München hat vereinzelt mehr Auflage in der Luft als es am Kiosk verkauft. Das ist kein Ausweis publizistischen Erfolgs.

STANDARD: Demnächst dürften die Zeiten weniger rosig werden für Ihr Blatt: Der norwegische Medienkonzern Schibsted will eine Gratiszeitung in den deutschen Markt setzen.

Diekmann: Mal abwarten. Wir sind sehr gut gerüstet. Und wir sind nicht die einzigen. Gewiss ist Deutschland ein attraktiver Markt. Aber wer immer hier reingeht, muss wissen: Das wird eine ganz teure Veranstaltung.

STANDARD: Wie wäre es mit "Bild" im Klein- oder kleineren Format, das ja in Europa grassiert?

Diekmann: Bild braucht den großen Auftritt, das ist unser Poster am Kiosk. Schlagzeilen müssen Wucht haben, und dafür bedarf es einer kritischen Größe. Große Zeilen brauchen große Buchstaben.

STANDARD: Sie haben mehrfach von Kontrolle gesprochen. Ist das für "Bild"-Stories über das Privatleben von Stars nicht ein bisschen hoch gegriffen?

Diekmann: Es geht darum, ob Menschen öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken. Das liegt im Zuständigkeitsbereich medialer Kontrolle. Im übrigen gilt: Wer sich und sein Privatleben der Öffentlichkeit entzieht, hat ein Recht darauf, dass es tabu bleibt. Was mich aber stört, ist Verlogenheit. Der Kanzler und seine Frau haben jede Veröffentlichung von Fotos ihrer Kinder auf das Schärfste verfolgt. Aber zwei Wochen vor der Wahl erscheint ein Bildband über die Schröders mit vielen Privatfotos.

Zusätzlich kritisiert Frau Schröder-Köpf die Kinderlosigkeit von Angela Merkel. Sich selbst jede Frage zum Privatleben verbitten, es aber politisch zu instrumentalisieren, wenn's geeignet scheint – und dann auch noch das Privatleben anderer Personen, die nie damit gearbeitet haben, in den medialen Fokus ziehen. Das ist nicht in Ordnung. (DER STANDARD; Printausgabe, 11.10.1005)

Diekmann über die Brüder Fellner, Springers Kauf von ProSiebenSat.1 und die CDU-Nähe seines Konzerns in der folgenden Langfassung:

STANDARD: Sie haben begonnen mit der Schlagzeile „Wir sind Papst“, als nächstes kommt „Wir sind Fußball“ zur WM...

Diekmann: „Wir sind Papst“ war im Moment des Erscheinens Kult. Nun liest man jeden Tag neue Abwandlungen, letzten Mittwoch beispielsweise „Wir sind Nobelpreisträger“ in der Süddeutschen. Und Bild-T-Online macht zur kommenden Weltmeisterschaft eine Aktion unter dem Titel „Wir sind Fußball“.

STANDARD:Wann kommt „Wir sind Kanzlerin“?

Diekmann: Nie – weil es nicht paßt. „Wir sind Papst“ brachte die nationale Euphorie der Deutschen nach der Papstwahl auf den Punkt. Das ist mit dem Ausgang der Bundestagswahl nicht zu vergleichen.

STANDARD:Gegen „Wir sind Papst“ gab’s auch Proteste. Zum Beispiel von „Wir sind Kirche“.

Diekmann: Was wäre Deutschland, wenn es nicht immer irgend jemanden gäbe, der irgendwas an irgendwas auszusetzen hat? Unsere Buttons „Wir sind Papst“ zum Weltjugendtag werden inzwischen im Internet teuer gehandelt. Das sagt eigentlich alles.

STANDARD: „Bild“ gibt sich in den vergangenen Monaten aber schon sehr ernst katholisch, denken wir an Volksbibel, Papstaudienz und dessen aufgeregte Sterbebegleitung.

Diekmann: Weniger katholisch als christlich. Dass zuletzt der Fokus auf dem Katholischen lag, ist leicht zu erklären: „Bild“ lebt von Personalisierung, und die katholische Kirche hat eben einen Papst. Zudem war Johannes Paul II. auch für Protestanten oder Atheisten faszinierend: Unglaublich populär, gleichzeitig fordernd, hochspirituell, eminent politisch und auch im Sterben voller Größe. Ohne Zweifel hat er die Welt entscheidend verändert. Diesen Rang haben wir auch im Umfang unserer Berichterstattung deutlich gemacht, mit der wir oft weit vorne lagen. Dem Testament des Papstes haben wir eine Dreiviertelseite gewidmet. Die Frankfurter Allgemeine hat erst nach zwei Tage begriffen, dass es nicht nur ein persönliches Dokument war, sondern ein hochpolitisches.

STANDARD:Das eine oder andere Wunder um den sterbenden Papst hat „Bild“ ganz exklusiv berichtet, um das positiv zu formulieren.

Diekmann: Das öffentliche Sterben hat die Menschen sehr berührt. Hier zeigte jemand in schwersten Stunden Demut, Würde, Gottvertrauen. Für viele war das altmodischer Kram. Plötzlich begriffen die Menschen, was es heißt, das Leben anzunehmen. Solche Themen sind in den vergangenen fünf Jahren ...

STANDARD: ...seit Sie Chefredakteur und Herausgeber sind...

Diekmann: ... für „Bild“ wichtiger geworden.

STANDARD:Warum das?

Diekmann: Die Menschen suchen Orientierung. Sie merken, dass der Individualismus des „Anything goes“ oftmals keine Antworten bietet, weder spirituell noch im täglichen Leben. Sie suchen daher verläßliche, überpersönliche Werte. Die Bibel vermittelt solche Werte. Deshalb ist unsere Berichterstattung so erfolgreich.

STANDARD:Nicht, wenn man sich die Auflagen von Bild anschaut: 600.000 verkaufte Exemplare weniger klingt nicht nach Erfolg.

Diekmann: Wer meint, dass die IVW-Auflage (vergleichbar der Österreichischen Auflagenkontrolle) etwas über publizistischen Erfolg aussagt, hält die Erde auch für ‚ne Wurstscheibe.

STANDARD:In der FAZ war sie letztens in dem Zusammenhang noch ein Wurstbrot.

Diekmann: Wurstscheibe, Wurstbrot. Von mir aus auch Wiener Schnitzel. Im Ernst: Viele deutsche Titel subventionieren ihren Verkauf mit absurd wertigen Prämien und supergünstigen Abos. Oder sie pushen die Auflage mit Freiverteilung oder Sonderverkäufen. So kann ich jede Auflage erzielen. Wenn ich in jede „Bild“ einen Euro klebe, habe ich am nächsten Tag eine Auflage von 100 Millionen. Das tu ich aber nicht. Und ich verramsche „Bild“ auch nicht an Fluglinien oder Hotels. Ein Nachrichtenmagazin aus München hat vereinzelt mehr Auflage in der Luft als es am Kiosk verkauft. Das ist kein Ausweis publizistischen Erfolgs.

STANDARD:Sie sprechen von Bordexemplaren, die Fluglinien günstiger abnehmen.

Diekmann: „Günstiger“ ist gut – das ist nahe am Verschenken. Wir machen das nicht, im Gegenteil: In der größten Medienkrise haben wir den Verkaufspreis um fast 45 Prozent erhöht. Und trotzdem unsere Reichweite gesteigert. Deshalb sind wir heute profitabel wie nie zuvor. Wir haben den höchsten Vertriebsumsatz und den höchsten Anzeigenumsatz aller Zeiten. Und mit heuer über 80 Prozent Marktanteil bei Kaufzeitungen haben wir auch unsere Position gegenüber der Konkurrenz ausbauen können.

STANDARD:Demnächst dürften die Zeiten weniger rosig werden für Ihr Blatt: Der norwegische Medienkonzern Schibsted will eine Gratiszeitung in den deutschen Markt setzen.

Diekmann: Mal abwarten. Wir sind sehr gut gerüstet. Und wir sind nicht die einzigen. Gewiss ist Deutschland ein attraktiver Markt. Aber wer immer hier reingeht, muss wissen: Das wird eine ganz teure Veranstaltung.

STANDARD:Springer veranschlagt für seine eigene Gratiszeitung – Arbeitstitel „Gratissimo“ – zur Abwehr von Schibsted bis zu 300 Millionen Euro.

Diekmann: Das hab ich gelesen. Manchmal muß man viel Geld in die Hand nehmen, um Unfug zu verhindern. Und Gratiszeitungen sind Unfug. Guter, unabhängiger Journalismus kostet nun mal Geld. Wie soll man kritisch über einen großen Anzeigenkunden berichten, wenn man damit Etat und Arbeitsplatz gefährdet? Kurzum: Jeder Tag ohne Gratiszeitung ist ein guter Tag. Sollte jedoch eine Gratiszeitung kommen, können wir binnen einer Woche in den Ballungszentren antworten. Das wird „Bild“ im übrigen weniger treffen als Regionalzeitungen, weil wir einen Großteil der Auflage außerhalb von Ballungszentren machen.

STANDARD:„Gratissimo“ soll sich nach oben von „Bild“ abheben, seriöser daherkommen, aber im Kleinformat.

Diekmann: Es hat überhaupt nichts mit „Bild“ zu tun, völlig anderer Leserkreis, völlig anderer Ansatz – doch planen wir Anzeigenkombinationen mit „Bild“. Wenn „Gratissimo“ mit einer Auflage von einer Million auf den Markt kommt, haben wir Reichweiten, die kein anderer bieten kann.

STANDARD: Wie wäre es mit „Bild“ im Klein- oder kleineren Format, das ja in Europa grassiert?

Diekmann: „Bild“ braucht den großen Auftritt, das ist unser Poster am Kiosk. Schlagzeilen müssen Wucht haben, und dafür bedarf es einer kritischen Größe. Große Zeilen brauchen große Buchstaben.

STANDARD:Hinter der Reichweite der kleinformatigen „Kronen Zeitung“ kann sich „Bild“ – im Vergleich zur Landesbevölkerung – verstecken.

Diekmann: Die Haushaltsabdeckung der „Krone“ ist sensationell. Das hat wohl auch damit zu tun, dass Österreich mit Wien ein klassisches Zentrum hat, das Deutschland fehlt. Der Erfolg von „News“ ist auch ein Erfolg von Wien und Umgebung.

STANDARD: Mit der „Krone“ verbindet „Bild“ ein Faible für Glaubensfragen – aber auch die tägliche Nackte. Suchen Sie Ihre „Titelmieze“ auch höchstpersönlich aus wie Hans Dichand das Mädchen von Seite 7?

Diekmann: Häufig, nicht immer. Aber es gibt unangenehmere Pflichten für Chefredakteure.

STANDARD: Sie haben „News“ angesprochen. Nun basteln die Brüder Fellner an einer Tageszeitung. Haben sie das Projekt Ihrem Verlagshaus auch schon vorgestellt?

Diekmann: Nein, aber sie sind schon in Hamburg gewesen und haben geschaut, was wir machen.

STANDARD:Wie schon bei Rupert Murdochs „Sun“ in London.

Diekmann: Ich kenne Wolfgang Fellner seit Jahren, war immer begeistert von „News“ – und wir haben nicht nur viele Geschichten von „News“ übernommen, sondern auch viele Mitarbeiter, z.B. unsere Fotochefin. Ich bin sehr gespannt, was die Fellner-Brüder vorlegen werden. Sicher ist: Da werden alle ganz genau hinschauen, denn Gespür für Erfolg haben die Fellners oft genug bewiesen.

STANDARD: Was halten sie von Billigzeitungen wie „20 Cent“ in Deutschland.

Diekmann: Gar nichts. Ich halte das für den falschen Weg. Journalismus ist harte Arbeit, ist Recherche, Nachfassen, Bewerten, Sortieren und Schreiben, und zwar verständlich, informativ, möglichst auch unterhaltend. Das kann nicht jeder, und es kostet. Aber das muß man den Menschen auch klarmachen. Wer informiert sein will, wer mitreden will, muß bereit sein, dafür angemessen Geld hinzulegen. Es kann doch nicht sein, dass eine Tasse Cappuccino teurer ist als eine FAZ. Da stimmt etwas nicht.

STANDARD: Sie haben mehr als 80 Prozent Marktanteil bei Kaufzeitungen angesprochen. Das ist einer der Gründe, warum sich Aufsichtsbehörden gegen die Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Springer querlegen könnten.

Diekmann: Ist das so? Da müssten Sie den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG fragen.

STANDARD:Aber Herrn Döpfner hab ich gerade nicht hier.

Diekmann: Aus Sicht des „Bild“-Chefredakteurs: Pro7 ist ein reiner Spielfilmsender, Sat1 kein politisches Schwergewicht. Wo also soll die große Meinungsmacht liegen? Im übrigen ist Springer schon heute nicht unerheblich an ProSiebenSat.1 beteiligt, und doch hat „Bild“ in den vergangenen Jahren eher über Formate von RTL berichtet - von „Deutschland sucht den Superstar“ und „Dschungelshow“ bis Formel 1. Uns interessiert, welche Sendung ein Millionenpublikum begeistert, nicht der dahinterstehende Sender.

STANDARD: Was nicht zwingend so bleiben muss. Sorgen bereitet nicht nur mögliche Cross-Promotion um Shows. Springer ist ein politischer Konzern mit – vorsichtig formuliert – starker Affinität zur CDU/CSU und zeigt das auch – nicht zuletzt in „Bild“, nicht zuletzt im jüngsten Bundestagswahlkampf.

Diekmann: Unsinn. Unsere Affinität gilt guter Politik, die die großen Probleme von Deutschland meistert. Davon war in den letzten Jahren wenig zu sehen, und die Neuwahlen kamen ja, weil der Kanzler selbst mit seinen vorsichtigen und keineswegs ausreichenden Reformen laut eigenem Bekunden gescheitert ist. Im übrigen kritisiert die SPD gerade „Spiegel“ und „stern“. Von „Bild“ lese ich da relativ wenig.

STANDARD: Schröder regiert jedenfalls nicht mehr mit „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Glotze, wie er einmal sagte.

Diekmann: Hat er nie, wird er nie. Das gilt für alle Kanzler.

STANDARD: Die „FAS“ hat Springer mit einer italienischen Großfamilie verglichen: „Wenn einer angegriffen wird, fühlen sich alle angegriffen.“ Und schlagen zurück.

Diekmann: Jaja, die „FAS“ aus dem kleinen Frankfurt. Im Ernst: Große Verlagshäuser sind kein monolithischer Block. Die „Welt“ ist ein entschiedener Gegner des EU-Beitritts der Türkei, die „Bild“ hat dafür Sympathie. Gute Journalisten, gute Chefredakteure haben ihren eigenen Kopf. Das wissen auch Verleger.

STANDARD: Als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte der „Bunte“ untersagte, private Fotos von Caroline von Monaco zu veröffentlichen, haben Sie mit am lautesten protestiert. Was konnten Sie denn seither nicht mehr bringen?

Diekmann: Seither erleben wir täglich Absurdistan. Der Schutz der Privatsphäre wird immer dann vorgeschoben, wenn es gilt, öffentliche Darstellungen im Sinne positiver Eigen-PR zu steuern. Solange wir positiv berichten, küssen sie uns die Füße; aber wehe, wir wagen ein kritisches Wort. Dann erhalten wir sofort Post vom Anwalt. Nur ein Beispiel: Eine bekannte Nachrichtensprecherin hat in den letzten Jahren vierzehn Verfahren gegen uns angestrengt und geißelt öffentlich mit leidender Miene die Verletzung ihrer Privatsphäre. Aber wann immer die Dame mal wieder einen Prinzen fürs Leben gefunden hat, werden wir von ihr umgehend informiert. Dann ist Publicity plötzlich wichtiger als Privatsphäre. Ich denke: Wer die Öffentlichkeit zur Selbstdarstellung nutzt, muß sich öffentliche Kontrolle gefallen lassen. Dies wird leider durch das Caroline-Urteil immer mehr verhindert.

STANDARD: Sie haben schon mehrfach von Kontrolle gesprochen. Ist das für „Bild“-Stories über das Privatleben von Stars nicht ein bisschen hoch gegriffen?

Diekmann: Es geht darum, ob Menschen öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken. Das liegt im Zuständigkeitsbereich medialer Kontrolle. Im übrigen gilt: Wer sich und sein Privatleben der Öffentlichkeit entzieht, hat ein Recht darauf, dass es tabu bleibt. Was mich aber stört, ist Verlogenheit. Der Kanzler und seine Frau haben jede Veröffentlichung von Fotos ihrer Kinder auf das Schärfste verfolgt. Aber zwei Wochen vor der Wahl erscheint ein Bildband über die Schröders mit vielen Privatfotos. Zusätzlich kritisiert Frau Schröder-Köpf die Kinderlosigkeit von Angela Merkel. Sich selbst jede Frage zum Privatleben verbitten, es aber politisch zu instrumentalisieren, wenn’s geeignet scheint – und dann auch noch das Privatleben anderer Personen, die nie damit gearbeitet haben, in den medialen Fokus ziehen. Das ist nicht in Ordnung.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, Qualität kommt von quälen. Ist „Bild“ Qualität?

Diekmann: Natürlich. Nehmen Sie nur den Skandal um VW und die Luxusmiezen der Top-Manager. Wer hat die Damen gefunden? Wir natürlich. Die anderen sind sich dafür doch viel zu fein. Und so ist es mit vielen Geschichten: Wenn’s richtig hart wird, ist nur noch „Bild“ da. Deshalb sind wir die meistzitierte Zeitung Deutschlands mit den meisten Exklusivmeldungen.

STANDARD: Dabei unterlaufen in den vergangenen Monaten offenbar vermehrt Fehler.

Diekmann: Wer mit großen Buchstaben arbeitet, macht deshalb nicht größere Fehler. Wenn man bedenkt, dass wir jeden Tag 34 verschiedene Stadt- und Regionalausgaben stemmen, ist die Fehlerquote marginal.

STANDARD: Die zuletzt in einigen Gegendarstellungen mündeten.

Diekmann: Gegendarstellungen müssen nicht wahr sein. Jede Tatsachenbehauptung kann Gedas auslösen. Wenn, wie kürzlich geschehen, ein Anwalt versichert, er habe in einem Lokal nicht mehrfach, sondern nur einmal „Scheiße“ gesagt: Zack, Gegendarstellung, auch wenn der Plural noch drei Tische weiter deutlich zu hören war.

STANDARD: Wie ist denn Kai Diekmann – in „Bild“-Kriterien?

Diekmann: Aus eigener Sicht: Freundlich, bescheiden, zurückhaltend, konziliant, ausgleichend, geduldig, nachsichtig. Aber mit dieser Meinung mag ich allein stehen.

STANDARD: Sie sind gläubig?

Diekmann: Das halte ich privat.

STANDARD: Konservativ, darf man annehmen.

Diekmann: Ich bin konservativ in dem Sinne, dass ich Dinge, die sich bewährt haben, nicht allein über Bord werfe, um etwas anderes zu probieren.

Sind Sie der typische „Bild“-Leser?

Diekmann: Einer von fast 12 Millionen typischen Lesern. Unsere Leserschaft entspricht der Sozialstruktur Deutschlands. Uns lesen mehr Frauen als „Brigitte“, mehr Akademiker als die „FAZ“.

STANDARD:B Haben Sie eine Zeile für mich? Diekmann: „Freundlich, bescheiden, zurückhaltend...“

Zur Person

Kai Diekmann (41) ist Chefredakteur und Herausgeber von "Bild" sowie Herausgeber von "Bild am Sonntag". Der Freund von Exbundeskanzler Helmut Kohl (CDU) gilt als enger Vertrauter von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner.

Die Fragen stellte Harald Fidler

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    foto: standard/hendrich
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