IHS sieht "deutliche Aufwertung der Spieltheorie"

9. Oktober 2006, 09:15
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Ritzberger: Spieltheorie von aus Österreich emigriertem Forscher und späterem IHS-Mitgründer Oskar Morgenstern entwickelt

Wien - Der Experte für Spieltheorie am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien, Klaus Ritzberger, erwartet durch die Verleihung des diesjährigen Wirtschafts-Nobelpreises an Robert Aumann und Thomas Schelling eine deutliche Aufwertung der Spieltheorie.

Mit der diesjährigen Auszeichnung haben schon zum zweiten Mal zwei Spieltheoretiker einen Nobelpreis erhalten, erinnert er an die Verleihung an den Amerikaner John F. Nash und den Deutschen Reinhard Selten im Jahr 1994. "Die Spieltheorie wird einfach immer wichtiger", so Ritzberger am Montag im Gespräch mit der APA.

"Wichtigster Teil der Volkswirtschaftslehre"

Die Spieltheorie, nämlich die mathematische Theorie strategischer Interaktion, hat sich laut dem österreichischen Wirtschaftswissenschafter inzwischen zum wichtigsten Teil der Volkswirtschaftslehre entwickelt. Viele ökonomische Modelle seien heute spieltheoretische Modelle. In der wissenschaftlichen Ausbildung von Volkswirten und Betriebswirten sei die Spieltheorie nicht mehr wegzudenken. Leider gebe es aus budgetären Gründen kaum eigene Experten an den Universitäten, bedauert er.

Die Anfänge der Spieltheorie liegen in der Mitte des 20. Jahrhunderts, ihre Wurzeln reichen in die vor den Nazis geflüchteten und vertriebenen Wissenschafterkreise zurück. Die Spieltheorie wurde ursprünglich vom aus Österreich emigrierten Wissenschafter Oskar Morgenstern und dem aus Ungarn emigrierten John von Neumann in den 50-er Jahren in den USA entwickelt, erläutert Ritzberger. Auch Aumann war damals an einer amerikanischen Universität, nämlich am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Student. Morgenstern war auch einer der Mitgründer des IHS nach dem Zweiten Weltkrieg.

Durchbruch in 70er- und 80er-Jahren

Bis zum Einzug der Spieltheorie in die Ökonomie dauerte es allerdings einige Zeit. In großem Maßstab wurde die Theorie erst in den 70er- und 80-er Jahren von den Ökonomen übernommen, bis dahin beschäftigten sich vorwiegend Mathematiker damit. Das Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien hatte anfangs sogar einen Vorreiterrolle inne, als es mit dem "International Journal of Game Theory" in den 70-er Jahren das weltweit einzige Journal zu dem Gebiet herausgab. Bei der 40-Jahr-Feier des IHS im Vorjahr war der nun mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Aumann übrigens als einer der Laureaten in Wien.

Der Nobelpreis wurde an Aumann und Schelling offenbar für die "Begründung von Denkschulen" verliehen, so Ritzberger. Schelling habe mit populärwissenschaftlichen Büchern wie "The Strategy of Conflict" recht früh dazu beigetragen, die komplizierten mathematischen Modelle in anschaulicher Art darzustellen. Der US-Wissenschafter habe auch als Berater in der Sicherheitspolitik der USA agiert. Aumanns Beiträge zur Ökonomie beschränkten sich nicht nur auf die Spieltheorie, der Israeli habe auch die Fundierung der allgemeinen Gleichgewichtstheorie, wo das Verhalten vieler kleiner Akteure im Modell dargestellt werde, gelegt.

WU-Ökonom Abele würdigt Preisträger

Professor Hanns Abele vom Institut für analytische Volkswirtschaftslehre (VWL) der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) sprach in einer ersten Reaktion von einer verdienten Auszeichnung der beiden diesjährigen Wirtschaftsnobelpreisträger. So habe Aumann wesentliche grundsätzliche Beiträge zur Spieltheorie geliefert, erklärt Abele.

Examplarisch nennt Abele Aumanns Modell des vollkommenen Wettbewerbs als Kontinuum von Marktteilnehmern. Am zweiten Nobelpreisträger Thomas Schelling würdigt Abele dessen "sehr konzeptiven Beiträge hinsichtlich der Mikrofundierung" und der strategischen Anwendung der Spieltheorie.

Die Spieltheorie selbst würdigt der WU-Ökonom als wichtige "Alternative zu den üblichen Ansätzen der Optimierung". Die Spieltheorie betone dabei die strategischen Aspekte der Interaktion. So sei es zum Beispiel bei nur zwei Marktteilnehmern sinnlos eine Theorie der Nutzenmaximierung zu entwickeln, in der nicht auf die wechselseitigen Interaktionen der Akteure in allen möglichen Alternativen Bezug genommen wird, erklärt Abele.

Spieltheorie auch in der HVB-Übernahme

In der Wirtschaft lasse sich eine ganze Fülle von Fragen spieltheoretisch analysieren. Sogar ein HypoVereinsbank-Aktionär steht angesichts der UniCredit-Offerte für die Bank letztlich vor einer spieltheoretischen Fragestellung, so Abele. Er muss seine optimale Strategie hinsichtlich der Annahme oder Nichtannahme des Angebots entwickeln und dabei die Strategien der anderen Aktionäre sowie der UniCredit - zum Beispiel hinsichtlich eines nachgebesserten Angebots - antizipieren.

Auch das WU-Institut für analytische VWL habe laut Abele schon lange einen Schwerpunkt auf Spieltheorie entwickelt. Sogar eine Umbenennung in "Institut für strategische Studien" sei schon angedacht worden, unterstreicht Abele die Bedeutung der Spieltheorie.

Einsatzbereich auch in Politik und Militär

Dabei gehen die Anwendungsmöglichkeiten der Spieltheorie weit über den Wirtschaftsbereich hinaus, wesentliche Einsatzbereiche seien auch die Evolutionsbiologie sowie Politik und militärischen Fragestellungen. So war etwa der Pionier der Spieltheorie Oskar Morgenstern während des kalten Krieges auch Berater des Pentagon gewesen, führt Abele aus.

Auch der heurige Nobelpreisträger Schelling hat laut Aussendung der schwedische Wissenschaftsakademie während des Kalten Kriegs spieltheoretische Modelle zur Analyse von Sicherheitspolitik und des nuklearen Wettrüstens verwendet. (APA)

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