IT als Nervenzelle des Gesundheitswesens

17. Oktober 2005, 10:53
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Edda Grabar sprach mit Bernhard Tilg, Rektor der Innsbrucker Privatuni UMIT, über aktuelle Medizintechnik- Entwicklungen

STANDARD: Der Begriff E-Health ist ein großes Thema. Warum?
Tilg: Der Bereich E-Health sucht auf mehreren Ebenen nach IT-Lösungen für den Gesundheits- und Medizinbereich. Da spielt die elektronische Krankenakte eine zentrale Rolle. Krankenhäuser, Arztpraxen und Krankenversicherungen werden miteinander vernetzt. Das Ziel ist, alle Befunde und Daten in einem Informationssystem für Patienten, Ärzte und Krankenversicherungen zusammenzuführen. Die behandelnden Ärzte und der Patient sollen auf diese Daten dann zugreifen können. Das ist eine enorme Herausforderung.

STANDARD: Warum ist das so schwierig?
Tilg: Wir haben hier heterogene Daten und sehr große Datenmengen vorliegen. Außerdem fehlt in diesem Bereich häufig die Standardisierung. Es gibt den einfachen Arztbrief. Dann aber kommen auch die unterschiedlichsten Bilddaten - Röntgenbilder oder Ultraschall - und beispielsweise das Elektrokardiogramm (EKG) hinzu. Schließlich muss man sich auf diesem Gebiet intensiv mit Datensicherheit beschäftigen. Das alles erfordert IT-Lösungen.

STANDARD: Und solche Plattformen werden bei Ihnen an der Universität entwickelt?
Tilg: Natürlich nicht allein. Die UMIT (Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik) versteht sich als universitäre Drehscheibe im Bereich des Gesundheitswesens. Wir arbeiten eng mit den Spitälern und mit einschlägigen Unternehmen zusammen. Wir kooperieren intensiv mit dem Kompetenzzentrum HITT (Health Information Technologies Tirol), dem größten Medizininformatik-Kompetenzzentrum in Österreich. UMIT erforscht dabei neue Konzepte, aus den Kliniken und Spitälern kommen die Impulse vonseiten der Anwender, und die Unternehmen im HITT entwickeln marktreife IT-Lösungen. Keine Elfenbeinturm-Forschung, sondern: Wir haben hier in Tirol ein einzigartiges "set-up", das direkt in die Gesundheitsversorgung eingebettet ist.

STANDARD: Welche weiteren Themen im Bereich E-Health sind heute von Interesse?
Tilg: Ein weiterer Bereich ist die Medizinische Bildgebung und Bildverarbeitung. Hier zeigt alles in Richtung "Virtueller Patient". Dank der modernen Verfahren erhält man hochauflösende Bilder, die nicht nur die Anatomie der Organe, sondern ihre Funktionen wie Durchblutung oder Stoffwechsel darstellen. Mithilfe dieser Aufnahmen können beispielsweise Chirurgen ihre Operationen besser und für den Patienten schonender planen. Außerdem gibt es noch das sehr wichtige Gebiet der Telemedizin und das Health Monitoring. Mit einem mobilen Gerät werden Gesundheitsdaten des Patienten wie Blutdruck oder EKG und sein Aufenthaltsort ermittelt.

STANDARD: Das erinnert an "Star Trek". Ein Handcomputer warnt vor Gefährdungen?
Tilg: Das ist gar nicht so unvorstellbar. Am Standort Graz gibt es beispielsweise von ARC Seibersdorf Research GmbH und der Klinik eine Pilotstudie zur Beobachtung von Bluthochdruckpatienten. Da werden Patienten mit einem handcomputerähnlichen Gerät überwacht, um zu prüfen, ob Medikamente richtig wirken, und diese gegebenenfalls besser einzustellen. Oder: Die ganze Wohnung ist mit Sensoren ausgestattet, die das Befinden des Patienten an einen Arzt weitermelden können. Bis dahin ist einiges zu tun.

STANDARD: Auch im Bereich Bioinformatik sind Sie tätig. Sie richten derzeit ein Zentrum für Klinische Bioinformatik ein.
Tilg: Die klinische Bioinformatik - die Anwendung der Bioinformatik auf klinische bzw. medizinische Fragestellungen - wird in der modernen Diagnostik und Therapie eine Schlüsselrolle spielen. Wir sprechen heute von Biomedizinischer Informatik. Denn mit der molekularen Medizin werden Ärzte künftig ein neues Diagnoseinstrument zur Hand haben. So genannte Hochdurchsatz-Technologien ermöglichen schon heute festzustellen, welche Gene, Proteine und Stoffwechselprodukte bei einer Erkrankung und in deren unterschiedlichen Stadien vorhanden sind. In Projekten hier in Tirol wird nach den molekularen Mechanismen für Prostatakrebs und entzündliche Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt gesucht.

STANDARD: Das hört sich alles sehr medizinisch-biologisch und wenig technisch an.
Tilg: Aber die Verfahren sind ohne IT undenkbar. Sie produzieren enorme Datenmengen, die mithilfe von Rechnerkapazitäten verarbeitet und analysiert werden müssen. Gerade für diese Arbeiten ist der enge Kontakt zwischen Bioinformatikern bzw. Medizininformatikern und Klinikern enorm wichtig. Wir als Ingenieure müssen einerseits die IT-Infrastruktur und die IT-Lösungen liefern. Andererseits liegt es aber auch an uns, neue Anwendungen für die Mediziner und Biologen zu entwickeln, damit sie die gewonnen Daten besser auswerten können. Glauben Sie mir, hier gibt es noch genügend technische Fragestellungen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.10. 2005)

Zur Person

Bernhard Tilg ist "Ingenieur, Netzwerker und Tiroler". Seit 2004 leitet der 38-Jährige die Private Universität für Gesundheits- wissenschaften, Medizinische Informatik und Technik (UMIT) in Hall in Tirol. Seine Erfahrung holte er sich vor allem an der TU Graz und in San Francisco. In Graz studierte Tilg Elektrotechnik und wandte sich bereits vor seiner Promotion der Medizintechnik zu. Im Jahr 1998 ging er als Research Fellow an die renommierte University of California San Francisco (UCSF). Im Jahr 2000 war Tilg START-Preisträger - ein renommierter Preis für exzellente junge Wissenschafter.

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UMIT
  • Mobiltelefone überwachen Herzpatienten, Operationen werden am Bildschirm vorbereitet - Medizin und Computer wachsen zusammen: Univ.Prof.Dr. Bernhard Tilg im STANDARD-Interview.
    foto: standard/parigger

    Mobiltelefone überwachen Herzpatienten, Operationen werden am Bildschirm vorbereitet - Medizin und Computer wachsen zusammen: Univ.Prof.Dr. Bernhard Tilg im STANDARD-Interview.

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