Ist das der Anfang?

16. März 2006, 12:20
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Ein Geflecht von spielerischer Unbefangenheit und tiefgründiger Beklommenheit

Ein unscheinbarer, namenloser Park inmitten der Stadt. Ahnungslose Passanten. Ungeduldig wartende Zuseher. Ist das der Anfang? Der Anfang der minimalistischen Bürgerchoreographie „Nicht einmal Hundescheiße“, produziert anlässlich des „steirischen herbstes 2005“ vom Theater im Bahnhof. Uraufgeführt auf der Kreuzung Brückenkopfgasse/Schiffgasse beeindruckte der Autor und Regisseur Helmut Köpping mit einer unkonventionellen Auffassung von modernem Theater.

Unkonventionell, da das Publikum durch eine stark befahrene Straße vom Ort des Geschehens getrennt ist. Aus einem leerstehenden Bürogebäude Visavis des Schauplatzes werden die Zuseher Zeugen einer nachdenklichen Unterhaltung von vier Frauen, die so scheint es, nichts weiter gemeinsam haben. Und doch, verschlägt es sie an diesen trostlosen Ort um gemeinsam über Mordgelüste, Sammlerleidenschaften und Flugängste zu philosophieren. Im Mittelpunkt steht eine freischaffende Künstlerin, die durch ein Portrait ihrer Generation auf die emotionale Beschaffenheit von Frauen in der Blüte ihres Lebens aufmerksam machen will: „Hey Sie, ja genau Sie! Sie sehen aus wie jemand aus meiner Generation. Würden Sie sich mit mir unterhalten? Aber ich sage es Ihnen gleich, da oben sitzen vierzig Menschen, die uns beobachten.“ Und so verfangen sich die unterschiedlichsten Erkenntnisse in einem Geflecht von spielerischer Unbefangenheit und tiefgründiger Beklommenheit - passend zu der tristen Szenerie, wo die Leere alles verdrängt. Sogar Hundescheiße. Dennoch bringt ausgerechnet dieser Schauplatz die Verbindung der Leidgenossinnen zum Ausdruck und lässt sie ihre zwischenmenschlichen Barrieren überwinden. Hemmungslos werden Ängste offenbart, intimsten Gefühlen Ausdruck verliehen und kindliche Gelüste werden durch ein metaphorisches Fangspiel gestillt. Ironischer Weise erleichtert sich zufällig in diesem Augenblick ein Kokerspaniel auf der gewagten Bühne und verschafft so dem Titel des Stückes alle Ehre.

Die Leistung der Schauspielerinnen Pia Hierzegger, Martina Zinner, Eva Maria Hofer und Beatrix Brunschko, ist als fragwürdig zu bezeichnen, wobei zu beachten ist, dass es ein wahrliches Hindernis darstellen kann, fiktive Personen ohne vorgegebene Charaktereigenschaften darzustellen. Abgerundet wird die Darbietung durch melancholische Hintergrundmusik und hitverdächtigen Gesangseinlagen von Norbert Wally. Falls von der teils seichten Performance gelangweilt, hat der Betrachter die Möglichkeit, den filmreifen Reaktionen der Passanten beizuwohnen, die auch als Highlight des Stückes angesehen werden können.

Scheinbar mitten in der Handlung erheben sich die vier Individuen und überqueren noch singend die Kreuzung. Ist das das Ende? Das Ende, von eineinhalb Stunden alternativer Unterhaltung. Und so bleiben einem jeden Kulturinteressierten noch so manche Fragen offen.

von Anna Weiss

Eine Theaterkritik von Anna Weiss und Stefanie Schönbacher, 7. Klasse des WIKU – BRG Sandgasse
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