War Madonna in Wien?

10. Oktober 2005, 21:05
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Genauso gut, spotteten sie, hätte man behaupten können, hier liefen Hugh Grant, Stefanie Werger oder Wesley Snipes durch die Menge ...

Es war am Freitag. Und eigentlich hatte ich keine Lust, mir darüber den Kopf zu zerbrechen – aber weil J. aufgeregt klang, habe ich mich in die Aufregungsschleife einklinken lassen. Obwohl es mir ziemlich wurscht war. Weil Freitagabend einer der Abende ist, an denen mich alle Lugners dieser Welt gern haben können.

Und zum anderen, weil man am Freitag um 19.27 Uhr zwar noch eine ganze Zeitung umschreiben kann – aber die Abendredakteure da schon sehr gute Gründe verlangen: Kometeneinschläge etwa. Aber sicher nicht die Eröffnung eines Juweliergeschäftes vom Abend zuvor.

Abendausgaben

Ich war nicht dort gewesen. Und natürlich zwickte es kurz, als J. – ein Eventfotograf – anrief und fragte, ob ich die Abendausgaben von Kurier und Krone gesehen hätte: Da stünde, dass Madonna bei der Eröffnung des Geschmeideladens gewesen sei. Die Fotos dazu, sagte J., stammten alle von Kollegen T. (www.discothek.at). Und obwohl er, J., auch dort gewesen sei und eine gemeinsame Freundin die Presse betreut hätte, habe er nichts davon mitbekommen. Ob ich ...?

Nein, sagte ich. J. zuckte aus: Es sei das letzte, wenn Madonna exklusiv an Krone und Kurier vergeben worden wäre. Dann legte J. auf. Wir hatten Gäste. Madonna, fragte ich in die Runde. Könnt ihr euch vorstellen, dass Madonna in Wien ist und keiner was merkt? Alle schüttelten die Köpfe. Aber A. sagte, dass der ATV+-Klatscher D. irgendetwas madonniges angekündigt habe. Sie habe nicht zugehört – und es habe kryptisch geklungen.

Bisserl blöd

Ich rief S., das Pro7-Pendant von D., an. Auch S. war im Wochenendmodus. Und hatte nichts gehört: Aber auch sie war nicht beim Juwelier gewesen. Die Story habe nicht sexy geklungen – von Madonna hatte niemand etwas gesagt. Ein bisserl, hörte man S. an, blöd wäre das schon: Madonna in Wien – und sie featuret eine Modeschau von hinter den sieben Bergen.

Zehn Minuten später rief S. noch einmal an: Sie habe mit ihrer Dispo-Chefin geredet. Die habe schon tagsüber – routinemäßig - Partyseiten abgeklappert. Auf einigen hätte es Madonna-beim-Juwelier-Einträge gegeben. Mit dem Hinweis: Netter Versuch – aber auf dieses Double fällt nur ein Anfänger rein.

Fehlende Inszenierung

Das sagte auch J., der gleich darauf wieder anrief. Mittlerweile hatte auch er die Partyseiten durchgegraben: Nie im Leben sei das Madonna. Auch wegen der fehlenden Hollywood-Security-Inszenierung. Wie Kollege T. darauf hereinfallen konnte, sei ihm ein Rätsel. Außerdem wäre es komisch, dass die Bilder Kurier und Krone hätten – aber keine internationale Agentur: T., sagte J., so nahe an Madonna ein Vermögen verdienen können – aber nur, wenn er sie zuerst anderswo verkauft hätte. Das sei Basiswissen.

Mittlerweile hatte sich auch die Pressebetreuerin gemeldet: Sie habe selbst nichts von Madonna gewusst – erst Donnerstagabend habe der Juwelier gesagt, dass er einen Hollywoodstar eingeladen habe. Ob der käme, hätte er nicht sagen wollen. Sonst, schwor die Pressefrau, hätte sie alle vorgewarnt. Sie selbst könne beim besten Willen nicht sagen, ob die Frau, die da für zwei Minuten (Limousine - Bühne, zwei Sätze - Limousine) echt gewesen sei: Sie sei zu weit weg gestanden.

Stefanie Werger?

In unserer Küche lief ATV+. D. startete seine Sendung mit den üblichen Langweilern. Und beim Juwelier kamen zuerst Lugners und Freundinnen. Irgendwann lief dann eine Frau durchs Bild, von der der Juwelier auch vor der Kamera behauptete, sie hieße Louise Veronica Ciccone. D. tat alles, um sich nicht fest zu legen – aber in unserer Küche johlten fünf Damen und drei Herren: Genauso gut, spotteten sie, hätte man behaupten können, hier liefen Hugh Grant, Stefanie Werger oder Wesley Snipes durch die Menge.

Am nächsten Tag rief J. noch einmal an. Er habe internationale Paparazzi-Kollegen angemailt. Die seien erstaunt gewesen: Gemäß dem, was die gut funktionierenden Szene-Buschtrommeln verkündet hätten, habe Madonna den Donnerstagabend bestimmt nicht in Wien verbracht. Aber in Wirklichkeit, seufzte J., sei das längst egal. Es wäre nicht das erste Mal, dass man in Wien behauptet, etwas sei genau das Gegenteil davon, was der Rest der Welt darin sieht. Weil der Rest der Welt das ja aus Prinzip, purem Neid und reiner Bösartigkeit immer tut. Die Sache mit Madonna, meinte J., sei da - gerade weil das Ereignis so irrelevant sei - noch eines der sympathischeren Beispiele. Aber gerade deshalb beschriebe es das Gernegroßbedürfnis im Land der Gartenzwerge so zutreffend.

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