Das burgenländische Paradoxon

Redaktion, 09. Oktober 2005 18:56
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Der SPÖ-Wahlsieg beweist einmal mehr, dass in der Politik manchmal durchaus sein darf, was eigentlich nicht sein kann - Eine Kolumne von Peter Filzmaier

Der Wahlsieg der SPÖ beweist einmal mehr, dass in der Politik manchmal durchaus sein darf, was eigentlich nicht sein kann: eine ländliche Region als verlässliche Hochburg der "Roten" - Korruption hin, Landesbank her.

Die SPÖ feiert seit nunmehr bereits vier Jahrzehnten im östlichsten Bundesland ihre sensationellsten Erfolge. Das gilt unabhängig von Über- oder Unterschreitung der absoluten Mehrheit wie auch vom Vergleich mit dem Ergebnis anderer aktueller Landtagswahlen. Es kann zwar durchaus sein, dass Michael Häupl in vierzehn Tagen noch mehr Stimmenanteile erhalten wird, doch gibt es in Wien ein linksliberales Wählerpotenzial von etwa 75 Prozent. (Woraus zwar noch nicht zwangsläufig folgt, dass SPÖ und Grüne dieses auch ausschöpfen, doch zeigt es die Dimension ihrer Möglichkeiten.)

Das Burgenland hingegen ist zu einem großen Teil relativ ländlich. Es fehlen Groß-und Universitätsstädte sowie etwa mit der Steiermark vergleichbare Industriegebiete. Viele Gemeinden haben weniger als 2000 Einwohner. Gleichzeitig ist zwar die Zahl der Pendler nach Wien beträchtlich, doch gibt es weder einen extremen "Speckgürtel" noch resultiert daraus ein Wiener Umland mit logischer SPÖ-Affinität.

Nach den Gesetzen der Logik hätte auf dem burgenländischen Wählermarkt eine christlich-konservative Partei keinesfalls seit 1964 immer nur den zweiten Platz belegen und schon gar nicht eine sozialistische bzw. sozialdemokratische Partei jedes Mal mit so großem Vorsprung gewinnen dürfen.

Der SPÖ ist es trotzdem gelungen, jenseits von Wahlen effiziente Strukturen aufzubauen und dadurch über Jahrzehnte die Basis für ein Kernland zu schaffen, das auch trotz diverser trauriger Höhepunkte roter Regentschaft - man erinnere sich etwa an den Fall Kery mit den drei Fragen Josef Caps über Partei- und Politikerprivilegien, an den kollektiven Gedächtnisschwund des Parteivorstands im Prozess Matysek gegen Sinowatz, oder an die Sicherung des Landeshauptmannsessels mittels abtrünniger FPÖ-Stimme . . . - den "ihren" stets die Treue hielt. Unter dem Strich steht die SPÖ als Symbol für das soziale und wirtschaftliche Selbstwertgefühl der Burgenländer.

Die Landesbank als Dauerthema ohne sozialdemokratische Ruhmestaten ändert daran nichts.

Offensichtlich wurde das Phänomen Burgenland von der SPÖ frühzeitig erkannt und der ländliche Raum zur sprachlichen Kampfzone erkoren. Schon am triumphalen Wahlabend in der Steiermark wurden Parallelen zwischen Postamt-, Polizeiposten- und Schulschließungen in kleinen Gemeinden für ganz Österreich thematisiert. Das war ein wenig konstruiert - Franz Voves wurde nicht vom Postfuchs zum Landeshauptmann gemacht -, ist jedoch strategisch vollkommen richtig.

Ob es Zufall ist, dass Norbert Darabos lange Jahre erfolgreich im Burgenland tätig war? Für den Bundesgeschäftsführer als möglichen Leiter des SPÖ-Nationalratswahlkampfs - vorausgesetzt, man einigt sich im kuriosen Triumvirat der Kommunikation mit Doris Bures und Joe Kalina darauf - wäre das ein nicht zu unterschätzendes Qualifikationsmerkmal.

Warum das Phänomen Burgenland trotzdem so wenig Beachtung findet, ist leicht erklärt: 242.000 Wahlberechtigte inklusive der 16-und 17-Jährigen stellen vier bis fünf Prozent von mehr als sechs Millionen möglichen Wählern auf Bundesebene 2006 dar. Je nach Wahlbeteiligung bedeutet das, dass selbst erdrutschartige Veränderungen von plus oder minus zehn Prozentpunkten im Burgenland für das Gesamtergebnis einer Nationalratswahl einen fast vernachlässigbaren Gewinn bzw. Verlust von unter 0,5 Prozent ergeben würden.

Insofern haben alle Politikbeobachter aus Wien, die oft über das 500 Kilometer entfernte Tirol mehr wissen als über die burgenländische Politik vor der Haustür, eine notdürftige Rechtfertigung ihres ignoranten Verhaltens.

Für die SPÖ gilt allerdings, dass ihr eine teilweise Übertragung des burgenländischen Erfolgsmodells auf mehrere Regionen Österreichs den Sieg bei den Nationalratswahlen sichern könnte. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2005)

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Posting 1 bis 25 von 46
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jose luis schuster
10.10.2005 14:25

manchmal denke ich mir, der herr filzmaier wär bei der presse besser aufgehoben....

bo sitzt am ...
10.10.2005 13:26
kriegt der dafür geld?

also, dass man für solche analysen politikwissenschaft studieren muss und dann dafür noch geld kassiert, find ich stark. der mann hat offenbar keine ahnung, weder von der jüngeren wie älteren geschichte des burgenlandes, noch von der realpolitik. schon gestern, bei der ersten analyse im fernsehen, hat er von einer überraschung gebrabbelt. das burgenland ist seit den 60er-jahren mehrheitlich rot, und das hat handfeste gründe - demo- wie soziographische. einige poster unten haben das ganz richtig erkannt, der angeblich so schlaue herr politologe hingegen überhaupt net.

Roter Baron
10.10.2005 10:42
so liebe övp, was hat die blockade beim bank-gbld-verkauf gekostet und was hats gebracht ?

ich bitte um eine wirtschaftliche anal-
yse von der wirtschaftspartei !


roter baron

BlackFriday
 
13.10.2005 12:55

An alle roten wirtschaftswissenschaftler für Bank Burgenland:

110>85
(110-Ausfälle)<85

Helmut Huber
 
10.10.2005 13:07
Verkauf???

Im Gegensatz zu VÖESt- oder anderen (nicht allen) Bundesverkäufen wär das wirklich ein trübes Geschäft gewesen. Schulden und versteckte Risiken bleiben beim Land, Der Käufer (noch dazu nicht aus dem Bankbereich) bekommt die Braut jungfräulich und geimpft.

Pascal Riché
10.10.2005 15:18

Glauben Sie wirklich, dass die VÖEST (und die anderen im stillen Kämmerchen privatisierten ÖIAG-Beteiligungen) ohne weitreichende Gewährleistungsversprechen seitens des Verkäufers (in der Fachsprache: reps & warranties) verkauft worden sind ???

Dann sind Sie selten naiv und haben offensichtlich keine Ahnung von M&A.

Helmut Huber
 
10.10.2005 20:25
Die sind schon lange vorher von Altlasten befreit worden und wurden

über die Börse verkauft. Glaube nicht, daß man allen 100.000 Kleinaktionären mit solchen Garanten nachlaufen kann.

Yossarian
12.10.2005 22:40
Die Bank Burgenland

notiert schon seit langem an der Wiener Boerse

Helmut Huber
 
10.10.2005 13:26
ja sogar entwurmt!

Marcel Baum
10.10.2005 09:37
Tirol ist ebensowenig wahlentscheidend wie das Burgenland

Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark vereinigen 71% der österreichischen Bevölkerung auf sich. Sollte sich die Stmk neben Wien auch bei einer Nationalratswahl als rot herausstellen, dann sieht es schlecht aus für die ÖVP.

Denn Kärnten ist rotbraun, Bgld ist rot, also bleiben ca. 1,5mio (18,5%) für die schwarzen Kernländer Sbg, Tirol , Vorarlberg, wobei Sbg, eh schon stark wackelt (auf Landesebene).

Eine absolute in Wien und Bgld eine Relative in Kärnten und der Steiermark, ein knapper Ausgang in Sbg und Oberösterreich werden die ÖVP alt aussehen lassen.A


Tino67
 
10.10.2005 14:46
Nicht zu vergessen, dass NÖ

schon sehr oft im Bund anders gewählt hat als im Land. In den 70er Jahren war das generell üblich und zuletzt hat auch Fischer im sog. ÖVP-Kernland NÖ eine klare Mehrheit hinter sich gehabt. Im Unterschied zu Häupl in Wien bleibt der Einfluss von Pröll aufs Land beschränkt!

byron sully
10.10.2005 14:36
salzburg wackelt nicht,

denn salzburg ist seit eineinhalb jahren rot (auf landesebene).

Thomas Felder
10.10.2005 08:54
Tirol Paradoxon

ich sehe eher ein Tirol Paradoxon,
die haben ein schweres Problem mit dem Transiz und geben jenen, die daran schuld sind noch die Absolute.

hercule poirot1
10.10.2005 16:05

Das kommt vom Weihwasserrausch............

bart simpson
10.10.2005 02:10
...?!?... filzmayer is kein gscheita ...

... wie auch viele andere nicht die aus dem oevp-umfeld kommen ...

byron sully
10.10.2005 14:39
ich find's langsam fad,

pauschal allen politischen kommentaren zu wahlen övp-nähe zu unterstellen. kaum gibt's eine wahlanalyse, heißt es gleich: das ist ein övpler! o.k., bei einem herrn ulram z.b. ist es sehr, sehr offensichtlich, aber bei den meisten anderen sehe ich diese övp-nähe nicht so heraus...

schlecht izmir
10.10.2005 07:39

Was stimmt denn an der analyse nicht?

Michael B
10.10.2005 01:38
Kein Besitz-Bauerntum

Im Burgenland gab es (aufgrund der Geschichte als Teil Ungarns) nie ein nennenswertes freies Bauerntum. Der Großteil des Grundbesitzes war in der Hand weniger Adelsgeschlechter; die Bauern waren Pächter, Taglöhner oder Klein- und Nebenerwerbsbauern. Also nicht die "echten" Wähler der Parteien der Besitzenden. Nach dem Krieg konfiszierten die Sowjets die Großgrundbesitze der Adeligen und begannen eine Art Bodenreform, und die ÖVP hatte nichts anderes zu tun, als das nach 1955 rückgängig zu machen. Deshalb wird sie niemals mehr eine Mehrheit dort erhalten.

Kein Kommentar
10.10.2005 09:14
Unsinn

Kein Junger kann sich Ihrer Analyse anschließen, da die Jungen mit solchen Geschichten ger nichts mehr am Hut haben.

Klingt wichtig Ihre Einschätzung, geht aber an der Realität vollkommen vorbei.

Manfred Gruber
 
10.10.2005 23:06

Aber mit den Konsequenzen aus diesen "Geschichten"!

byron sully
10.10.2005 14:38
mit solchen geschichten nicht,

sehr wohl aber damit, welche partei in der familie gewählt wird. und das kann eben mit solchen geschichten zusammenhängen. also ganz von der hand weisen würd ich's nicht...

Lord Lurch
10.10.2005 12:07
Regionale Traditionen halten sich länger als

man gemeinhin glaubt. Ich habe beispielsweise auch lange nicht verstanden, warum ausgerechnet das innere Salzkammergut tiefrot ist. Hat (laut Auskunft eines roten Bürgermeisters dort) drei Ursachen:
1. Bergbautradition
2. Rückzugsgebiet von Protestanten nach der Gegenreformation
3. Bergrebellentum (Wilderer, Partisanen)
Alle drei Ursachen sind welche, mit denen Junge nix mehr am Hut haben dürften. Es wirkt aber trotzdem stark nach. Und so ists halt überall.

thomas P
 
10.10.2005 08:10
danke für die information

falls dem tatsächlich so ist erklärt das einiges ...muss mich mal informieren!

franz fröhlich
10.10.2005 00:46
Die Burgenländer

gebrauchen einfach ihr Hirn, selbst nach dem 5. Achterl.
Die haben auch mit Ortstaferln kein Problem.
Dia sehen das Wesentliche: Zweigelt und Blaufränkisch :))

hugo görz
09.10.2005 23:58
geschlossene postämter

samt immobilienschacher sind real und keine "sprachliche kampfzone". die "sprachliche kampfzone" ist der wachsende kolumnenplatz, den herr filzmaier quer durch alle möglichen illustrierten einnimmt.

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