Angriff auf das Autovolk

21. November 2005, 14:08
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Der Aufschrei der deutschen Autofahrerklubs gegen die geplante Autobahnmaut ist nicht ganz unverständlich

Es ist wie in einem schlechten und billigen Film: Drei Wochen nach der Wahl erfahren die Deutschen, dass wahrscheinlich mehr Belastungen auf sie zukommen, als zuvor gesagt wurde. Deutsche Politiker haben schon länger die Autofahrer im Visier, rücken aber erst jetzt damit heraus, dass für Pkws womöglich bald 100 Euro Maut pro Jahr fällig werden.

Ausgerechnet die Autofahrer! Als Volk der Dichter und Denker werden die Deutschen in Hymnen besungen, was zwar gerechtfertigt ist, aber auch daher kommt, dass es noch keine Autos gab, als die schönen Lieder gedichtet und komponiert wurden. Heute würde man wohl auch die Automobilisten in irgendeiner Strophe erwähnen. 45 Millionen Deutsche fahren jedes Jahr Milliarden an Kilometern. "Freie Fahrt für freie Bürger" heißt es auf vielen Autobahnen unmissverständlich. Jeder siebente Job ist von der Autoproduktion abhängig. Und Kanzler Gerhard Schröder trägt wegen seiner guten Kontakte zu den Autobossen nicht umsonst den Titel "Autokanzler".

100 Euro pro Jahr

Jetzt also erfährt das Autovolk, dass es womöglich bald 100 Euro im Jahr an Mautgebühren zahlen muss - mehr als die Österreicher, die das freilich auch nur wenig trösten wird.

Der Aufschrei der Autofahrerklubs folgte wie erwartet, und er ist nicht ganz unverständlich. Schon jetzt werden die Deutschen durch die Kfz-Steuer und die Mineralölsteuer kräftig zur Kasse gebeten. Dazu kommt noch die rot-grüne Ökosteuer.

Unzählige Familien rechnen jetzt schon bange, wie sie künftig mit einer erhöhten Mehrwertsteuer das Auskommen finden können. Die Anhebung der Mehrwertsteuer von 16 auf 18 Prozent haben Unions-Politiker ja nicht verschwiegen. Kommt die Pkw-Maut noch dazu, wird es für sehr viele Menschen in Deutschland noch enger.

Österreich schaut interessiert zu

Daran, dass im Falle eines deutschen Pickerls woanders an der Schraube gedreht wird, glauben die meisten nämlich nicht. Die Ökosteuer etwa könnte die Regierung nicht einfach wieder abschaffen, weil sonst die Rentenbeiträge, die zum Teil daraus finanziert werden, in die Höhe klettern. Es bringt aus der Sicht von Politikern auch nichts, eine Pkw-Maut einzuführen und gleichzeitig die Kfz-Steuer zu senken. Selbige ist wenigstens gerechter als eine entfernungsunabhängige Maut. Wer einen schweren Benzinfresser fährt, muss eben mehr zahlen. Um Mautgebühren "gerecht" zu machen, müsste man sie wie die Lkw-Maut entfernungsabhängig gestalten. Das Lkw-System auf Pkws zu übertragen würde jedoch Unsummen kosten.

Die Österreicher werden die Mautpläne der Deutschen auf jeden Fall interessiert verfolgen und schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, dass ihr "Pickerl" in Berlin favorisiert wird. Damit kann man wenigstens nicht einen solchen Totalcrash erleben wie die Deutschen, als sie ihr hoch gelobtes satellitengestütztes System für die Lkw-Maut im Sommer 2004 pünktlich in Betrieb nehmen wollten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.10.2005)

Von Birgit Baumann
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