Pressestimmen: "Immer schwierig, einem Gendarmen zu applaudieren"

12. Oktober 2006, 14:43
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Verleihung an IAEO auf verschiedene Art zu deuten - "Die Richtigen zur rechten Zeit" ausgezeichnet

Paris/London - Die Zuerkennung des Friedensnobelpreises an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und Generaldirektor Mohamed ElBaradei wird am Samstag von zahlreichen Blättern kommentiert:

"Libération" (Paris):

"Es ist immer schwierig, einem Gendarmen zu applaudieren. Seine Aufgabe ist es, einen Frieden zu sichern, der wegen der Existenz des Bösen zwangsläufig unvollständig bleibt. Gleichzeitig erkennt jeder an, dass man ihn braucht, um eine Herrschaft der Gauner und des Dschungels zu verhindern. Das ist in der Schlimmsten aller Welten, im Atombereich, nicht anders. (...) Die fünf Großen predigen Abstinenz und sind doch die Säulen des Bistros. Prompt wird der Gendarm beschuldigt, selbst nur ein Gauner oder Taugenichts zu sein."

"The Guardian" (London):

"ElBaradei hat einen stetigen Kurs durch gefährliche Fahrwasser gesteuert. Die USA waren verärgert wegen seines Beharrens darauf, dass Saddam Hussein keine Nuklearwaffen hatte. Er ist diplomatisch, ruhig und unparteiisch, und er argumentiert, dass Teheran ebenso wenig die Bombe bauen darf, wie die fünf offiziellen Atommächte ihre rechtlich bindenden Verpflichtungen zur Abrüstung ignorieren dürfen. (...) Wie der Preisträger sagte: 'Das Ziel ist es, unseren Kindern eine Welt ohne Atomwaffen zu hinterlassen'."

"La Repubblica" (Rom):

"Die Vergabe des Friedensnobelpreises kann auf zwei verschiedene Arten gedeutet werden. Die erste, wohlwollendere, ist die, dass das Nobel-Komitee mit der Auszeichnung die grundlegende Wichtigkeit unterstreichen wollte, die die Nuklearfrage heute in der Welt hat. Die zweite, boshaftere, ist die, dass aus Oslo ein ideologischer Torpedo gegen George W. Bush losgegangen ist. Die Botschaft heißt: Kein Staat hat das Recht zu entscheiden, wer die Guten und wer die Bösen sind. Dies ist ein Urteil, das der gesamten internationalen Gemeinschaft zufällt."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Wenn die USA oder Russland ihr nukleares Arsenal erneuern und vergrößern, muss das die IAEO zur Kenntnis nehmen. Wenn Indien, Pakistan oder Israel Nuklearwaffen entwickeln, müssen sie keine Sanktionen fürchten. Die IAEO darf immer nur so weit gehen, wie es die Atommächte zulassen. Der nukleare Wachhund, wie sich die Organisation gerne nennt, ist auf einem Auge blind. Deshalb ist der Nobelpreis als Rückendeckung für die Zukunft zu verstehen, damit auch Staaten mit Atomwaffen eine moralisch gestärkte Atomenergiebehörde ernst nehmen."

"die tagezeitung" (taz) (Berlin):

"Diesmal hat es die Richtigen getroffen - und das zur rechten Zeit. ElBaradei sieht sich gegenwärtig in die Zange genommen. Einerseits denken die Atommächte nicht daran, ihren im Atomwaffensperrvertrag eingegangenen Verpflichtungen zur schrittweisen atomaren Abrüstung nachzukommen. Die USA haben sogar jüngst erneut das Recht zum präventiven atomaren Erstschlag für sich reklamiert. Andererseits behaupten einige der 'Schurkenstaaten', gerade wegen der Drohungen der US-Amerikaner auf die eigene Bombe angewiesen zu sein. Nordkorea und der Iran bilden die Lehrbeispiele. ElBaradeis Vorschläge zur Reorganisation der IAEO, für die er jetzt ausgezeichnet wurde, weisen einen denkbaren, praktikablen Weg. Sie beinhalten ein verschärftes Kontrollsystem, fordern die Bildung von atomwaffenfreien Zonen sowie energische Schritte atomarer Abrüstung. Und sie schlagen regionale, unter Kontrolle der IAEO stehende Zentren für die Umwandlung und Anreicherung von Uran vor."

"Aftenposten" (Oslo):

"Das Nobelkomitee hätte bei der Vergabe des Friedensnobelpreises ruhig etwas mehr Mut zeigen können, als es sich für die Belohnung von Arbeit für mehr Atomsicherheit entschied. Zum Beispiel hätte es den Preis zur Anerkennung von Personen nutzen können, die sich weit über ihren normalen Zuständigkeitsbereich hinaus vorgewagt haben, um das Atomrisiko zu vermindern."

"Kommersant" (Moskau):

"Die von Herrn ElBaradei geführte IAEO ist in den vergangenen Jahren heruntergekommen, sie ist immer weniger ein wichtiges Instrument der internationalen Kontrolle über die Nichtverbreitung von Atomwaffen. Die IAEO war untätig, als Indien und Pakistan im Mai 1998 erfolgreich Atomwaffen testeten und sich am Rande eines Atomkrieges bewegten. Um die gleiche Zeit tauchten der Iran und Nordkorea an der Schwelle zum Atomclub auf. In diesem Fall hat die internationale Gemeinschaft die Gefahr rechtzeitig erkannt." (APA)

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