Gesichter über Gesichter

7. Oktober 2005, 20:48
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Die Gedenkausstellung "Physiognomie der 2. Republik" im Wiener Belvedere weicht von Konzepten bisheriger Jubiläumsschauen ab

    Die Auswahl der gezeigten Gesichter erfolgte sehr subjektiv. Von Andreas Feiertag.

Wien - Diese Gedenkjahrschau weicht ab. Sowohl inhaltlich als auch konzeptionell ist die in der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien gezeigte "Physiognomie der 2. Republik. Von Julius Raab bis Bruno Kreisky" mit keiner anderen bisherigen Jubiläumsausstellung zu vergleichen. Was durchgehend erfrischend sein könnte, erschlösse sich dem Besucher hier und dort der kausale Zusammenhang der hin und wieder in Gruppen zusammengefassten Exponate. So stellt beispielsweise die optische Verknüpfung von Porträts damaliger "Südtirolbumser" mit Porträts von NS-Kriegsverbrechern - auch wenn die Fotos allesamt in den 1960er Jahren geschossen wurden - einen zeithistorisch und ideologisch mehr als gewagten Versuch dar.

Wer in der Ausstellung die politische, kulturelle und sozioökonomische Geschichte der Zweiten Republik von 1945 bis in die 1980er-Jahre hinein anhand von Personen und ihres Wirkens in einem zeitlichen Kontinuum vor Augen geführt bekommen will, wird enttäuscht werden.

Doch das sei auch nicht das Konzept, betont Publizist Paul Kruntorad, der für Idee und Gestaltung verantwortlich zeichnet. Wer das suche, müsse einen Stock höher gehen, dort werde so etwas in "Das Neue Österreich" gezeigt. Seine bis 29. Jänner laufende Ausstellung sei eben eine "andere" Ergänzung dazu. Keine "Dokumente, Objekte und Vitrinen, die pars pro toto stehen" sollen die bearbeitete Zeit spiegeln. Sondern allein "Physiognomien von Personen, die in dieser Zeit lebten" und zum heutigen Geschichtsbild beitrugen und beitragen. Die Auswahl, betont Kruntorad, sei "sehr subjektiv".

Diese Physiognomien erschöpfen sich in 56 Selbst-und Fremdporträts namhafter österreichischer Maler und Bildhauer, 40 Wahl- und Filmplakaten sowie 140 Fotos.

Mit einem blauen Auge

Durch die chronologische Unordnung bleibt dem Besucher zwar die Entwicklungsgeschichte der österreichischen Nachkriegskunst verborgen, entschädigt wird er dafür durch einige selten gezeigte Werke. Alfred Hrdlickas erstes Selbstbildnis aus 1951 etwa, nach dem er sich dazu entschlossen haben soll, doch nicht Maler sondern lieber Bildhauer zu werden. Oder ein Bildnis von Fritz Wotruba, dem Karl Sterrer 1945 aus persönlichen Motiven ein blaues Auge gemalt hat.

Die Wahl- und Filmplakate, in zwei Räumen zusammengefasst, sprechen für sich. Julius Raab und Bruno Kreisky dürfen sich dabei in die Augen sehen. Kurt Waldheim zwischen den beiden. Und mit dem Affiche zum 1956 in den heimischen Kinos angelaufenen Sascha-Film "Hengst Maestoso Austria" (mit Nadia Gray, Paul Klinger und Gustav Knuth), stellt Kruntorad dabei selbstironisch fest, sei es sogar gelungen, den Schädel eines "Lipizzaners in den illustren Reigen" der das österreichische Geschichtsbild geprägten Physiognomien aufzunehmen.

Die Fotos haften alle in Fünfergruppen angeordnet auf von der Decke herab hängenden geschwungenen, orangefarbenen Kunststoffbahnen: Diese strikte Gruppierung macht es einige Male schwer, Themen, die aus mehr oder weniger als fünf Fotos bestehen, zu finden. Dafür entdeckt man Highlight wie beispielsweise einen Schnappschuss von Ernst Jandl, der Friederike Mayröcker 1978 gelungen ist. Oder eine zwischen 1952 und 1972 entstandene Porträtserie des Fotografen Wolfgang Pfandler von Teilnehmern am Forum Alpbach - beispielsweise von Fritz Molden, Helmut Qualtinger, Erwin Schrödinger, Karl Popper, Ingeborg Bachmann und Franz Kardinal König. Oder Fritz Kerns Foto von Karl Schranz, 1972 nach den Olympischen Spielen am Wiener Ballhausplatz. (DER STANDARD, Print, 8./9.10.2005)

"Physiognomie der 2. Republik. Von Julius Raab bis Bruno Kreisky" in der Österreichischen Galerie im Oberen Belvedere, geöffnet bis 29. Jänner 2006, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag im September und Oktober von 10-21 Uhr
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    Karl Schranz, nach den Olympischen Spielen in Sapporo 1972 in Wien von Fritz Kern fotografiert.

  • Prägende Physiognomien: hier etwa die von Kurt Waldheim.
    foto: österr. galerie belvedere

    Prägende Physiognomien: hier etwa die von Kurt Waldheim.

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