"Spürst dich nicht mehr und brennst einfach aus"

24. November 2005, 10:28
5 Postings

Während in jüngster Zeit mehr Frauen zur Arbeitssucht tendieren, nimmt die Zahl der "arbeitsflüchtigen" Männer zu

Die Psychotherapeutin Ruth Werdigier registriert in ihrer Praxis in Wien immer mehr Patienten mit Arbeitsverweigerung und Arbeitssucht: "Die einen verweigern den Einstieg, die anderen finden keinen Ausstieg mehr", sagt sie. Hinter beiden Phänomenen stehe die blanke Angst: "Die noch keinen Job haben, trauen sich nicht in die Maschinerie hinein, und jene, die einen Job kriegen, fürchten, ihn wieder zu verlieren."

Seit ungefähr zwanzig Jahren beobachtet Werdigier vor allem bei männlicher Klientel diesen Trend. Bei ihr stehen viele Junge in Behandlung, "die sich keinen Job suchen und mit dem Druck und der Angst vor der Welt nicht zurecht kommen und sich lieber im Hotel Mama verstecken". Bei diesen gelte es im Rahmen der Therapie Prüfungs- und Versagensängste zu überwinden sowie "soziale Fertigkeiten zu trainieren".

Bei den so genannten Workaholics hingegen ist die Angst anders ausgeprägt: "Die fürchten, bei einem Stopp aus der Bahn zu fliegen. So verlieren sie das richtige Maß. Der Workaholic weiß einfach nicht mehr, was genug ist." Diese Patienten zu behandeln sei besonders schwierig, denn sie kommen kaum - und wenn, dann erst nach dem Zusammenbruch - zur Therapie. Der tritt aber früher oder später unweigerlich ein. Denn Arbeitssucht führt dazu, dass man ständig den Körper übergeht und außer Arbeit nichts mehr als sinnvoll empfindet. Das führt zwangsläufig zum so genannten Burnout.

Physisch bis psychisch

Werdigier: "Du spürst dich nicht mehr, wirst in der Wahrnehmung vollkommen eingeengt, reflektierst nicht und brennst einfach aus." Physische Erkrankungen wie schwere Herz-Kreislauf-Schäden sind oft die Folge.

Beziehungsangst, Einsamkeit, weitere Versagensgefühle und die Unfähigkeit zur Entspannung machen nun erneut Probleme. "Der Psychotherapeut muss da mit sämtlichen Skills in die Kindheit gehen, wo das alles angelegt wurde." Zumeist stehe Beziehungsstörung und die Verknüpfung von Liebe für Leistung hinter einer solchen Laufbahn. Werdigier: "Wer krankhafte Lust an Arbeit hat, hat eine gestörte Lust zur Beziehung." Solche Patienten fänden dann auch oft kongeniale Partnerinnen nach dem Motto: "Gleich zu gleich gesellt sich gern."

Die Tendenz zum Workaholic sei aber auch bei Frauen stark im Zunehmen, beobachtet der Wirtschaftscoach und Psychotherapeut Peter Battistich. Ein Großteil seiner Klienten kommt aus der IT- und EDV-Branche: "Die Angst, sofort ersetzt zu werden, erzeugt enormen Druck, und eine Spirale beginnt." Wer etwa nicht freiwillig Überstunden leiste, gelte für verantwortliche Positionen als unfähig. Wer sie leiste, gelte hingegen als "aufstiegsorientiert und ein zukunftsträchtiger Hoffnungsträger".

Arbeitssucht erkennen

Die Unregelmäßigkeit der Arbeit erzeugt laut Battistich erst den Suchtfaktor. "Der Körper schüttet Endorphine aus, und man kommt in einen High-Zustand. Um das längere Zeit durchzuhalten, braucht man etwa den Schlafentzug geradezu. Aber am Schluss steht das Burnout." Battistich nennt drei erkennbare Wegbegleiter dazu:

  • Zunehmende Lustlosigkeit
    außerhalb der Arbeit,
  • steigende Reizbarkeit
    und psychosomatische Symptome.
  • Beziehungskrisen
    und Entfremdung folgen auf dem Fuß. "Lust und Sex bleiben auf der Strecke, man sucht sich dafür ebenfalls leistungsorientierte Partner."

Wirtschaftscoach Battistich erkennt Workaholics beim täglichen Einsatz in den Unternehmen sofort: "Sie leiden unter zu wenig Anerkennung und haben kaum Geduld für längere Beratung." Lassen sie sich überhaupt auf irgendeine Art von reflektierender Intervention ein, "kommen sie zu spät, sitzen auf Nadeln und erwarten spätestens nach drei Sitzungen messbare Erfolge." Die therapeutische Arbeit hat aber nur Chancen durch Nachhaltigkeit.

Ausgleich finden

Battistich zu den Methoden: "Wir müssen am Selbstbild und am Selbstwert arbeiten. Das heißt: Lust für andere Bestätigungsmöglichkeiten entwickeln." Die Suche nach Ressourcen in einer Partnerschaft oder soziale Themen gehören hier dazu. Weiters "empfehle ich bei meinen Coachings auch immer sportliche Betätigung". Das aber birgt bei manchen Patienten wieder Gefahren: "Extreme Leistung statt gesunder Lust." Das aber heißt, ins alte Muster zu verfallen. Vor allem bei magersüchtigen Frauen ist das deutlich zu sehen. Golf ist für Battistich "sicher ein guter Ausgleich, weil das ein Sport ist, der keinen Stress erlaubt. Nur ein balancierter Manager ist eine gute Führungskraft mit Charisma", sagt Battistich. "Ich kann aber Charisma nur entwickeln, wenn ich den Sinn in Arbeit und Leben an andere weitergeben kann."

Dafür könne man vier Schritte trainieren: die Fähigkeit zur Entspannung, Gesundheitsbewusstsein entwickeln, Freizeit als Lustgewinn leben und schließlich Lustgewinn in Beziehung, Sex und Spiel suchen. (Der Standard, Printausgabe 8./9.10.2005)

Von Paul Vécsei
  • Artikelbild
    bild: photodisc
Share if you care.