Hollywoods Lieblingsbösewichte

21. November 2005, 14:49
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Die Kapitalisten können sich heute überall ein immer größeres Stück des ökonomischen Kuchens abschneiden - Kommentar von Kenneth Rogoff

Früher waren in den Hollywood-Filmen Amerikas Erzfeinde im Kalten Krieg, weiße Rassisten und bösartige Genies die Bösewichte Nummer eins. Das hat sich geändert.

Heute werden zunehmend die multinationalen Konzerne als die Oberschurken unserer globalisierten Welt dargestellt. In den filmischen Darstellungen unserer Populärkultur beziehen sie die Prügel für all ihre Schleichwerbung und ihr raffiniertes Product-Placement. Dieses Phänomen betrifft allerdings nicht nur Dokumentationen wie Michael Moores polemisches Werk "Fahrenheit 9/11" oder "The Corporation", ein ernsthaftes, wenn auch ziemlich paranoides Porträt der Rolle multinationaler Konzerne in der Globalisierung. Es erstreckt sich vielmehr auch auf Mainstream-Filme wie "Der ewige Gärtner", in dem der idealistische Protagonist in einen Kampf mit einem bösartigen internationalen Pharmakonzern verstrickt ist, der das Elend Afrikas ausnützt, um neue Medikamente zu testen. Zwar kommt der menschenverachtende Konzern schon seit über hundert Jahren in Büchern und Filmen vor, aber so allgegenwärtig wie heute waren Bösewichte in Form von Unternehmen, vor allem multinationaler Konzerne, noch nie.

Ist das unfair? Die meisten Konzerne sind doch im Grunde nichts anderes als praktische Einrichtungen, die sicherstellen, dass knappes globales Kapital mit maximaler Effizienz zu unser aller Nutzen eingesetzt wird. Verbringen die für ihre Liberalität bekannten Hollywood-Regisseure zu viel Zeit bei Antiglobalisierungsdemos? Vielleicht.

Nur die Spitze des Eisbergs

Ich würde allerdings meinen, dass die Befürchtungen Hollywoods, wie uninformiert sie auch immer sein mögen, nur die Spitze eines wachsenden Eisbergs aus Ressentiments gegen die empfundenen Ungerechtigkeiten der Globalisierung sind. Die simple Wahrheit ist, dass Konzerne Kapital verkörpern und dass dieses Kapital - in Form von Fabriken, Betriebsmitteln, Maschinen, Geld und sogar Häusern - der größte Einzelgewinner in der Ära der Globalisierung ist.

In praktisch allen Teilen der Welt übertreffen die Unternehmensgewinne die Erwartungen der Investoren um ein Vielfaches. Selbst in angeschlagenen Volkswirtschaften wie denen Deutschlands oder Italiens, wo die Arbeitsplatzsicherheit schwindet, schwimmen die Konzerne im Geld. Für Ökonomen kommt dieses Phänomen nicht überraschend. Man füge dem globalen Arbeitsmarkt zwei Milliarden Inder und Chinesen hinzu und schon muss der Wert anderer Produktionsmittel - vor allem der des Kapitals und der Wirtschaftsgüter (beispielsweise Gold und Öl) steigen.

So geschah es auch und die Kapitalisten können sich heute überall ein immer größeres Stück des ökonomischen Kuchens abschneiden. Viele politische Entscheidungsträger scheinen zu glauben, steigende Profite seien nur ein zyklisches Phänomen, nachdem sich die Volkswirtschaften noch immer von der Rezession des Jahres 2001 erholen. Abwarten, so ihre Prognose, denn auch die Löhne werden nach einer Zeit wieder aufholen. Sehr wahrscheinlich ist das allerdings nicht.

Das Kuchenstück des Kapitals wurde in den letzten 20 Jahren immer größer und es sieht so aus, als ob dieser Trend anhalten würde. Tatsächlich war der steigende Einkommensanteil der Konzerne die Haupttriebfeder der zwar unregelmäßigen, aber langen Börsenhausse, die in den frühen 1990er Jahren ihren Ausgang nahm. Hingegen sind in den reichen Ländern die inflationsangepassten Löhne für ungelernte Arbeitskräfte in den letzten zwanzig Jahren kaum gestiegen. Manche dieser Trends haben auch mit dem Wesen des modernen technologischen Wandels zu tun, der Kapital und qualifizierte Arbeitskräfte überproportional zu bevorzugen scheint.

Wachsende Ungleichheit

Allerdings sind rasch wachsende Ungleichheiten, ungeachtet ihrer Ursachen, überall eine starkes Motiv für Instabilität, vom reichen Amerika, über das rasch wachsende China bis hin zu dem mit Reformen konfrontierten Europa. "Die Flut hebt alle Boote", pflegen die Konservativen zu sagen. Gut, aber was geschieht mit den Menschen, wie den Armen in dem vom Hurrikan betroffenen New Orleans, die keine Boote besitzen?

Die wachsende Ungleichheit wäre kein derartiges Problem, wenn die Regierungen einfach die Steuern für Reiche erhöhen könnten, um damit die Unterstützung für die Armen zu finanzieren. Dummerweise bewirkt eine zu aggressive Kapitalbesteuerung aber nur, dass dieses Kapital in Regionen mit geringerer Steuerlast abwandert. In einer globalisierten Welt halten sich die Möglichkeiten nationaler Regierungen, potenziell mobile Produktionsfaktoren zu besteuern, in engen Grenzen.

Mit der Verbreitung moderner Technologien über die ganze Welt und der weiteren Integration von Schwellenmärkten wie China, Indien, Brasilien und Osteuropa in die globale Produktion wird sich der langfristige Trend zu immer niedrigeren Einkommen für unqualifizierte Arbeitskräfte in den nächsten Jahrzehnten wahrscheinlich fortsetzen.

Im Falle einer solchen Entwicklung könnten die von Hollywood dargestellten Zerrbilder bösartiger multinationaler Konzerne eines Tages in das Bewusstsein der Mehrheit eindringen und so zu politischen Unruhen führen, die den heutigen Gesellschaftsvertrag zerschlagen. (Project Syndicate 2005, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.10.2005)

Zur Person

Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefökonom des IWF, ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University.
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