Nachfrageangst bei Firmen, drückende Energiepreise

7. November 2005, 14:20
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Die Konjunktur in Westeuropa will nicht anspringen. Ökonomen konstatieren ein "Angstsparen" auch bei den Unternehmen

Wien/Brüssel – "Die Katze beißt sich in den Schwanz", formuliert Marcus Scheiblecker, Konjunkturexperte im Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) die derzeitige Situation in den westeuropäischen Volkswirtschaften: Die Firmen investieren zu wenig in Sachgüter, in ihre ureigenen Unternehmensgegenstände, statt dessen viel mehr in Finanzprodukte der verschiedensten Art. Der Grund – "eine noch unerforschte Theorie", so Scheiblecker – sei eine Art "Nachfrageangst". Und diese findet wiederum ihre Entsprechung in den seit Jahren anhaltenden Nachfrageschwächen in den einzelnen Ländern – siehe Deutschland, Österreich.

Forderungen nach Investitionsprämien

Weder beim privaten Konsum noch bei der öffentlichen Hand sind hierbei längerfristig nachhaltige Initiativen zu erkennen. Ergo dessen sind Renditen der Finanzprodukte höher als jene, die in der "realen" Wirtschaft zu erzielen sind. In Österreich forderte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl wieder einmal, dass die Regierung wieder Investitionsprämien einführe – und trifft sich damit mit den Anliegen der SPÖ.

Eine Inflationsangst, wie sie EZB-Präsident Jean-Claude Trichet jetzt in scharfen Worten formulierte, plage Firmen wahrscheinlich weniger, so Scheiblecker. Er beurteilt die Trichet-Äußerungen so wie viele andere Ökonomen europaweit: als verklausulierte Warnung an die Tarifparteien in den aktuellen Lohnverhandlungen, maßvolle Abschlüsse zu erzielen.

Exporte tragen Wirtschaftswachstum

Die Oesterreichische Nationalbank veröffentlichte am Freitag ihren Konjunktur-Indikator für die letzten beiden Quartale des laufenden Jahres: Demnach tragen die Exporte weiterhin das österreichische Wirtschaftswachstum, die Inlandskonjunktur entwickle sich nur verhalten. Die nominellen Haushaltseinkommen seien unter anderem dank der Steuerreform der Regierung gestiegen, sagen die OeNB-Ökonomen, die reale Kaufkraft wird aber durch die hohen Energiepreise belastet.

Anhaltende Jobkrise

Bis Jahresende sei deswegen mit keinem Rückgang der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Diese erreichte zuletzt im September wieder einen Rekordstand. Die trotzdem hohe und steigende Arbeitslosigkeit ist laut OeNB vor allem ein Ergebnis des stark wachsenden Arbeitskräfteangebots.

Die OeNB prognostiziert im vierten Quartal ein Wachstum von 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Für das dritte Quartal wurde die Prognose um 0,1 Prozentpunkte auf 0,4 Prozent gesenkt. Im Vergleich mit dem Vorjahr wird für das dritte Quartal plus 1,4 Prozent und für das vierte Quartal plus 1,5 Prozent erwartet. Für das Gesamtjahr 2005 rechnet die OeNB mit 1,8 Prozent Wirtschaftswachstum. Zur Erinnerung: Das Wifo korrigierte vor einer Woche seine Prognose um 0,1 Prozentpunkte auf 1,7 Prozent BIP-Wachstum für das heurige Jahr, das IHS rechnet auch mit 1,8 Prozent.

Wachstumspaket lässt hoffen

Das Wachstum der Weltwirtschaft stütze laut OeNB derzeit die Konjunktur im gesamten Euro-Raum. Von der Inlandskonjunktur kommen hingegen "keine nennenswerten Impulse". Auch die Nationalbank-Ökonomen registrieren Schwächen bei Ausrüstungsinvestitionen und Bauinvestitionen. Das Anfang Mai 2005 beschlossene Wachstumspaket lasse jedoch positive Impulse erwarten, insbesondere für den Schienen- und Straßenbau. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.10.2005)

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