Janosch: "Lari Fari Mogelzahn"

14. Oktober 2005, 21:12
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Ein Buch, das von Tiger und Bär oder von Panama und anderen fernen Ländern handelt

"Das ist Kunst!", sagt der kleine Bär, und er sagt es nicht ohne Grund, denn er spricht so in einem Buch von Janosch, das von Tiger und Bär oder von Panama und anderen fernen Ländern handelt. Janosch heißt in Wirklichkeit aber bestimmt nicht Janosch, sondern Horst Eckert oder ähnlich armselig wie wir anderen Erdenmenschen, aber ein Märchenerzähler muss einfach Janosch heißen.

Janosch also erzählt das Märchen vom Nussknacker Lari Fari Mogelzahn, der lügt, dass die Schwarte kracht. Er lügt das Blaue vom Himmel herunter und gleich wieder hinauf. Der König, der ihm mit Enthauptung droht, ist der starke Löwe Hans mit den scharfen Zähnen und dem nicht minder scharfen Verstand. Mit dem merkt der starke Löwe Hans doch sofort, wenn der Nussknacker lügt, und dann wird er ihn fressen.

Der Nussknacker lügt wie gedruckt, wie ein ganzes gedrucktes Buch lügt er, unterhält seine Freunde, die anderen Spielsachen, mit seinen Lügengeschichten, und ärgert den Löwen, den Löwen Hans mit dem messerscharfen Verstand und den ebenso scharfen Zähnen. Der weiß einfach nicht, woran er ist mit dem Nussknacker. Erzählen kann er ja, aber wenn er das Blaue vom Himmel so unverschämt herunterlügt, dass es draußen schon richtig Nacht wird, und dann auch noch behauptet, er, der schlaue Lari Fari Mogelzahn, habe dem goldenen Mond ein Stück von der Hinterbacke weggebissen?

Der starke Hans schleckt sich vor Vorfreude die Löwenlippen, gleich wird er ihn fressen, den verdammten Lügner, doch als er hinausschaut aus der Dachluke zum Mond hinauf, was sieht er da? Dem Mond fehlt doch wirklich ein Stück, und zwar genau da, wo die hintere Backe sein müsste.

Einmal schläft der Nussknacker Lari Fari Mogelzahn vor lauter Lügen sogar ein, hat sich selber in den Schlaf geschwatzt mit seinem schamlosen Aufschneiden. Ein gefundenes Fressen für den starken Hans, aber der ehrliche Löwe, der neben seinen scharfen Zähnen und dem rasiermesserscharfen Verstand auch noch gutmütig ist, ist zu sehr in die Welträtsel vertieft.

Nur woran er mit dem Bramarbas ist, aus dem auch noch das Holzmehl staubt, das weiß er nicht und lernt es nicht. Dabei ist es so einfach: "Das ist Kunst!", sagte der kleine Bär, und das ist wirklich und wahrhaftig wahr und nicht gelogen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.10.2005)

Von Willi Winkler
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    cover: süddeutsche junge bibliothek
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